Sucre – Friedhof, Schloss und Salteñas
Am Nachmittag besuchten wir den Friedhof von Sucre, nur 10 Minuten die Straße hoch, das war heute schon einfacher als gestern, aber wir waren noch immer im Schneckentempo unterwegs. Oben angekommen erwartete uns der nächste schöne Stadt- und Bergblick und traditionell gekleidete Blumenhändlerinnen am Straßenrand.
Der Boden ist in dieser Gegend an den meisten Stellen zu felsig um Gräber auszuheben, deshalb gibt es nur wenige Erdgräber. Wände und ganze Gebäude mit mehrstöckigen Nischen liefern Ersatz. Über einen breiten, palmengesäumten Marmorweg betraten wir das Gelände, die Sonne stand schon tief und tauchte die Anlage, weiß wie die Stadt, in ein idyllisches Licht. Wir nahmen den Weg entlang der hohen Außenmauern mit den kleinen, persönlich gestalteten Nischen. Immer wieder begegneten wir Friedhofsmitarbeiter in roten Westen, die Leitern hin und her schleppten, damit die Besucher der oberen Gräber Blumen und Deko tauschen können.
Die Deko der kleinen Fensterchen ist sehenswert, in einem saßen Oma- und Opapüppchen auf kleinen Sesselchen an einem Kaffeetisch. Andere stellen Snacks und Getränke hinter die Scheiben. Viele Nischen sind mit winzigen Markisen geschützt. Manch eine Deko wirkte auch etwas gruselig.
In der Mitte liegen private Familiengruften und deren Nischen hinter Glastüren. Einzelne dieser privaten Räume werden aber auch als Lager für Gerümpel genutzt.
Im hinteren Teil des Friedhofs reichten die Außenmauern nicht aus, hier wurden große Gebäude errichtet, die wie Wohnhäuser mit offenen Fluren, Treppenhäusern und Zimmern gestaltet sind. Einige Gebäude gehören Firmen und Vereinen. Hier liegen auch aufwändige Denkmäler für berühmte Persönlichkeiten der Stadt.
Bald kündigten diese wahnsinnig lauten und schrillen Papageien den Sonnenuntergang an und damit die Schließung des Friedhofs. Also schnell zum Ausgang, bevor wir die Nacht hier verbringen. Den Sonnenuntergang wollten wir uns am Recoleta Kloster anschauen und nahmen ein schrottiges Taxi, dass es gerade so den Berg hoch schaffte. Vor einem großen Platz verläuft eine weiße Galerie hoch oben über der Stadt, fast zu kitschig um wahr zu sein. Kein Wunder, dass hier außer uns vor allem Hochzeitsfotografen und Pärchen allen Alters vertreten waren, also auch Gold- und Silberhochzeiten. Wir genossen die Aussicht und entdeckten dann ein weitläufiges Café direkt unter der Galerie. Hier fanden wir ein wahnsinnig idylisches Plätzchen zwischen Lehmhütten und Bergpanorama, musikalisch begleitet von ohrenbeteubenden Grillen.
Als es dunkel wurde, war die Aussicht von der Galerie noch unglaublicher, die rustikalen Häuser im warmen gelben Licht der Laternen und die entfernten Lichtpunkte der Stadt, der nahe Sternenhimmel der Anden und die nur noch zu erahnenden Berge. Wir konnten uns garnicht sattsehen und auch auf dem steilen Weg nach unten blieben wir immer wieder stehen und bestaunten jeden neuen Anblick, ein beleuchteter Kirchturm, Sukkulenten auf Knäueln von Stromleitungen, die alten weißen Häuser im schummrigen Licht und weit unten der Rest der Stadt.
Unten angekommen wollten wir es weiter idyllisch und kehrten zum Abendessen im Typica Sucre ein. Drin sitzt man zwischen Büchern und Platten, draußen in einem weitläufigen, etwas verwilderten Garten zwischen bunten Graffitis. Wir wählten den Garten.
Zum Frühstück wurde es wieder trubeliger. Am Sonntag hatte nicht viel auf und scheinbar die ganze Stadt aß im El Patio oder holte sich zum Frühstück Salteñas von hier nach Hause. Wir bestellten an der Kasse am Eingang und suchten uns einen Platz im Innenhof, zwischen duftenden, dicken roten Blüten. Weil die Wartezeiten echt lang waren, wurde der Name zum Ausrufen notiert. Dass mein Name in solchen Läden immer falsch ist, daran bin ich schon gewöhnt, hier wurde noch extra dazu geschrieben, dass ich Ausländerin bin, Dory die extrajera, damit alle gleich wissen, dass es mit uns kompliziert werden könnte. Zwischen der offenen Küche und der Ausgabe herrschte ein unglaubliches Gewusel und lange Schlangen. Als wir unsere Empanadas bekamen, verstanden wir auch warum. Was wir nicht verstanden, war, wie man so etwas zubereitet. Hauchdünner, unglaublich knuspriger Teig umhüllt eine Füllung aus schmackhafter Suppe und einer ausgefuchsten Füllung, die so verteilt war, dass man bei jedem Bissen was davon abbekam, ein Wachtelei, eine Olive, Käse, ein Stück Fleisch. Hätte der Laden nicht am Nachmittag bis zu unserer Abreise geschlossen, hätten wir wahrscheinlich nichts anderes mehr gegessen.
Etwas außerhalb liegt das Castillo de la Glorieta. Bei dem schrottreifen Taxi, das uns dorthin brachte, waren wir wirklich nicht sicher, ob es die zwanzig Kilometer durchs Gebirge schaffen würde.
Fast angekommen, wurden wir vom Militär angehalten und wunderten uns. Wir sollten aussteigen und den Rest laufen, keine Durchfahrt für Autos. Weiter verwundert, ob wir hier am richtigen Ort waren, liefen wir zwischen den unkrautjätenden Soldaten hindurch. Später erfuhren wir, dass das ganze Gelände, inklusive des Schlosses dem Militär gehört, die hatten leider auch einen Großteil des Mobiliars verkauft. Auf dem Rückweg mussten wir mitten durch eine Übung laufen.
Vom ordentlich Militärgelände, kamen wir in ein mit Unrat vollgestopftes Nebengebäude, wo wir zwischen ausrangierten Kinosesseln und verschiedenen Pappmodellen Eintritt zahlten. Hier wurde die Militärathmosphäre übergangslos von Künstlern abgelöst. Wir kamen gerade rechtzeitig, in der kleinen Schlosskapelle startete gerade eine Führung.
Das Schloss selbst steht zwischen einem Fluss und einem steilen Berghang, die Räume waren schon recht verfallen und so war deutlich zu sehen, dass unter den kitschigen Verzierungen nur Beton liegt und es nicht so alt ist, wie es scheint. Klar, solche Architektur gab es in der passenden Zeit in Amerika garnicht und einem Stil lässt sich dieses Bauwerk auch nicht zuordnen. Schön ist es dennoch, oder gerade weil es so deplatziert und ein bauliches Durcheinander ist, das einem verrückten Traum entsprungen scheint. Zwischen Treppen, Türmchen und Balkonen eröffnet sich immer wieder die Aussicht auf die Umgebung, auf einer Seite ein riesiger Garten mit Brunnen, Bächlein und Brücken, und den obligatorischen Papageienschwärmen in den Palmen, aufgeschüttetem Aussichtshügel und künstlichen Höhlen und auf Fluss und Berge in die andere Richtung. Hier hat sich die Besitzerin, Clothilde, ein Märchenschloss kreiert. Von einem der Türme schaut ein Bild von ihr durch ein Fenster auf die Besucher hinab. Gruselig, ist es wirklich nur ein Bild? Drin gibt es hübsche, verschieden gemusterte Parkettböden, aber am sehenswertesten sind die Decken, mit allerlei Tiergestalten. Besonders die Fledermäuse gefielen uns gut.
Oben sind die Räume verworren angeordnet und es gibt sogar noch ein paar Möbel und ein buntes Badezimmer.
Das seltsamste an diesem Gebäude sind die Toiletten. Später fragten wir uns, welche davon überhaupt für Besucher gedacht waren. Ich erwischte eine mit Glastür, die man aber mit einem extra Laden verschließen konnte. Also kein Problem, aber wozu die Glastür? Durch einen schmalen Gang kamen wir in einen kahlen kleinen Raum, von dem eine noch schmalere Wendeltreppe abging. Am unteren Ende wartete eine angeschlossene Kloschüssel auf einem Podest in einem großen, offenen Flur. Die typisch bolivianische, weiche Klobrille aus Babyspielzeugmaterial durfte natürlich auch nicht fehlen. Wenn man sich drauf setzt sinkt man ein Stück in das weiche Plastik ein, gemütlich so lange sie neu ist, aber kaum hat das weiche Zeug einen Riss,… darüber sollte man nicht weiter nachdenken.
Wir verbrachten noch etwas Zeit in dem kitschigen Garten, im Schatten der Palmen mit Blick auf das kitschige Schloss.