Potosí – Silber und ein kleines Busabenteuer
Gut akklimatisiert wollten wir uns in den Anden weiter nach oben wagen, Uyuni war unser nächstes Ziel, nochmal 1000 Meter höher als Sucre. Wir wollten keinen kompletten Tag mit der Anreise verbringen und mit dem Bus würden wir sowieso in Potosí umsteigen müssen. Also machten wir es uns einfach und nahmen bis Potosí ein Taxi. Da könnte man sich jetzt wundern, aber die Taxen am Flughafen in Sucre sahen ganz ok aus und boten lange Fahrten an. Preis (700 Bob) und Ziel verhandelten via Whatsapp.
Die Stadt zu verlassen war unerwartet schwierig. Eine Trötenband führte einen Kinderumzug Richtung Ortsausgang, das kann dauern. Dann ging es weiter nach oben in die Berge und durch hübsche Täler. Die Gegend in der Nähe von Sucre ist dünn besiedelt, aber weiter oben dominieren Felder und kleinere Ortschaften, mit Lehmhäusern, die sich kaum von der Landschaft abheben, das Bild. Noch weiter oben gibt es sogar einige kleinere Städte.
Sehenswert sind auch die Mautstationen mit meist mehrfach geklebten Schranken, die per Hand geöffnet werden. Dort gab es eigentümliche Polizeistationen in Bunkerform und Frauen die selbstgemachte Snacks verkauften.
Unser Fahrer stopfte sich mit Kokabonbons voll und ich mit Ibu. Respekt, von uns hätte nach der ersten Stunde schon niemand mehr fahren können, Höhenmeter für Höhenmeter, wurden wir unkonzentrierter und dümmer. Der Himmel kam immer näher und die UV Strahlung hier oben direkt aus der Hölle.
Durch die bergige Landschaft fuhren wir weiter Serpentinenstraßen hinauf und über breite Flüsse mit abenteuerlichen Hängebrücken. Dann, ein kurzer gerader Anstieg und plötzlich waren wir oben. Oben? Wie seltsam, eine weite, flache Landschaft tat sich vor uns auf, mit endlos weitem Blick. Nur einzelne Gipfel lassen sich noch ganz in der Ferne erahnen, ein endloses Hochplateau. Mit sowas hatten wir im Hochgebirge nicht gerechnet, das Altiplano.
Und auch hier gibt es noch Städte und Landwirtschaft, Ziegen, Lamas und sogar Kühe, zwischen den Mais- und Quinoafeldern. Sonst besteht die Vegetation hauptsächlich aus Gräsern und Moos.
Und weil wir jetzt so weit gucken konnten, entdeckten wir bald auch schon den Cerro Rico. Einst war Potosí die reichste Stadt der Welt, die Menschen konnten das Silber einfach so aus dem Berg tragen. Heute werden die Reste unter beschwerlichen und gefährlichen Bedingungen von selbstständigen Bergleuten abgebaut. Wir hätten gern die Mienen besichtigt, aber bei aller Abenteuerlust schien uns das doch zu gefährlich.
Um die Stadt herum wurde es wieder etwas hügeliger, wir kamen von oben in den Ort und fanden, dass Potosí von hier aus selbst aus wie ein Bergwerk aussieht, rote Häuser an kargen, abgekratzten Hängen und nur Fels und Beton in Sicht.
Auf über 4000 Metern sind wir nicht nur in einer der höchstgelegenen Großstädte der Welt, sondern auch in einer der Ärmsten. Beides Gründe, warum wir hier keinesfalls übernachten wollten. Wegen der Höhe war es wahrscheinlich besser so, im Punkt der Armut, die uns einen trostlosen Ort erwarten ließ, hatten wir uns geirrt. Wir hatten mal wieder die Rush Hour erwischt und schlängeln uns im Schneckentempo durch die engen, steilen Gassen. Überall war die Hölle los, Schüler auf dem Heimweg, vollgestopfte bunte Märkte und überall Frauen mit dicken, bunten Röcken und langen Zöpfen. Vor allem aber herrschte eine überraschend einladende, sympathische Atmosphäre und wir fühlten uns gleich wohl.
Nach einem kurzen Stop am Busbahnhof fuhren wir in die Altstadt und waren überrascht. Wir hatten noch die verfallenen Gassen von Santa Cruz vor Augen und erwarteten hier Ähnliches. Aber Potosí ist wahnsinnig schön, Geld zum Erhalt kommt von der Unesco, die prunkvollen Gebäude sind frisch gestrichen. Von zwei wunderschönen, bunt bepflanzten Plätzen aus verlaufen alle Straßen zum Berg.
Und hier in der Altstadt liegt eins der interessantesten Museen des Landes, das Geldmuseum. Im ersten Hof des riesigen, verwinkelten Gebäudes wurden wir vom Wahrzeichen der Stadt empfangen, ein geschnitztes Gesicht. Für uns erinnert es an Bachus, aber laut einheimischer Interpretation stellt es einen ironisch lachenden Indigenen dar und damit die ambivalente Bedeutung des Hauses. Der Künstler hat nie verraten, was er sich dabei gedacht hat. Wein gibt es in der Gegend jedenfalls nicht.
In der Ausstellung bekamen wir einen Eindruck, für wie viel Reichtum der Berg einst sorgte. Zwischen all den Gegenständen, die aus reinem Überfluss aus Silber gefertigt wurden, waren sogar Nachttöpfe.
Hundert Jahre lang wurden in diesem Haus die Münzen für Spanien hergestellt, und zwischenzeitlich auch für alle möglichen anderen Länder. Aus der Abkürzung für den Prägungsort TSI entwickelte sich später sogar das Dollarzeichen.
Die Schattenseite des Reichtums, die Arbeit wurde von Sklaven in den Minen und an wenig vertrauensvollen Maschinen verrichtet. Die meisten arbeiteten nur ein halbes Jahr hier, wegen der Höhe, Quecksilbervergiftungen und andere Gefahren und auch das ging nur mit einer ausreichenden Koka Ration. Am Sklavenhandel verdienten auch einzelne Inka gut mit.
Die Pressen für die Barren wurden von Maultieren bedient, im Untergeschoss konnten wir deren tiefe Laufspuren im Stein sehen.
In der kleinen Kapelle der Fabrik waren Kindermumien in Glassärgen ausgestellt, durch das trockene Klima mit Haaren und Kleidung. Ähnlich verstörend fanden wir die Heiligenfiguren. Schließlich erfuhren wir noch von einer interessanten Taktik, wie die Spanier hier oben die Indigenen missionierten. Gemälde zeigen die Jungfrau Maria mit einem dreieckigen Körper. Sie sieht aus wie ein Berg, ist also das gleiche wie Pachamama, nur mit anderem Namen, da könnt ihr ruhig dran glauben.
Zeit zum Busbahnhof zurück zu fahren, das war schon vorhin als wir unser Gepäck einlagern wollten, ein kleines Abenteuer. Und jetzt merkten wir, dass wir vor lauter Sauerstoffmangel gar nicht wussten, wo unser Gepäck genau ist. Potosí hat mehrere Busbahnhöfe und um ein Taxi über Indrive zu bestellen, mussten wir irgendein Ziel angeben. Natürlich löste sich das Problem mit einem kurzen Blick ins Internet, der uns allerdings ganz schön kompliziert erschien. Mittlerweile fühlten wir uns durchweg leicht benebelt, zum Glück liegt Uyuni etwas tiefer.
Das Terminal sah aus, als wäre es garnicht mehr in Betrieb, aber in dem holprigen, schmalen Hof herrschte wildes Gewusel. Bustickets für die nächsten Verbindungen wurden wie Obst angeboten, als würde man sich dann doch noch schnell entscheiden, in eine andere Stadt zu fahren. Zwischen Koka- und Getränkeständen wurden Stapel von Kisten und Säcken in Busse verladen.
Durch ein altes Tor kamen wir in ein stockdunkles Treppenhaus, kein Licht, nur das was durch die Tür fällt. Ob hier wirklich noch was drin ist? Im oberen Stock war es heller, aber die rustikalen Schalter in der Mitte des Raums wirkten verlassen. Vor der Holztheke mit der Aufschrift Equipaje blieben wir stehen und versuchten herauszufinden, ob hier jemand unser Gepäck in Empfang nimmt. Und tatsächlich, von irgendwoher kam ein Mann und schob unsere Rucksäcke für umgerechnet ein paar Cent in ein kleines Räumchen. Der Schalter nebenan beherbergt die Prüfstelle des Kokaministeriums und hinter dem Treppenhaus liegen die Ticketschalter, von denen nur einer geöffnet hatte. Eine große goldene 50 hing über der Tür und wir fragten uns, 50tes Dienstjubiläum oder 50 Tage ohne Unfall? Nachdem wir später den Bus in Augenschein genommen hatten, nahmen wir an, dass die 50 Tage wahrscheinlicher waren.
Jedenfalls gab es im Busbahnhof alles was man braucht, eine kleine Kapelle an der man vor der Abfahrt nochmal beten kann und eine sehr rustikale Toilette in der es statt Spülung große Fässer gibt, aus denen man sich mit abgeschnittenen Kanistern Wasser schöpfen kann. Der Busbahnhof war eine eigene Sehenswürdigkeit und auch die Fahrt entpuppte sich als kleines Abenteuer.
Unser Bus sah ziemlich kaputt aus und die Motorhaube war auch schon offen. Aber was hatten wir erwartet? Aus unserer bisherigen Südamerikaerfahrung jedenfalls keinen pünktlichen Bus. Da hatten wir uns wieder mal getäuscht, 6 Uhr stand auf dem Ticket und um 6 Uhr tuckerten wir vom Hof. Erstmal mussten wir aber unsere Rucksäcke abholen und wurden angewiesen, sie zu dem Haufen aus Säcken und Kisten zu stellen. Taschen oder Rucksäcke sind hier eher unüblich, besonders die Indigenen packen alles in ihre bunten Decken und binden sich das Bündel über die Schulter. Babys, Torten, Kleidung, Proviant, ab ins Bündel damit. Frauen mit Neugeborenen und Männer mit Torten gab es in dieser Kombination am häufigsten, vermutlich hat Potosí das einzige Krankenhaus der Gegend.
Aus dem Bus dudelte laute Latinomusik und während das Gewusel zum Einsteigen losging, tauchten mehrere Eishändler auf und schlängelten sich zwischen den Babys und Torten durch den Bus. Klar, da wäre sonst auch nicht genug Chaos und Durchgequetsche. Das Eis lag in dem 100 Grad heißen Bus nackig auf den Tabletts, Kugeln in der Waffel, Eis am Stiel. Von allen Dingen, die man Leuten vor einer langen Busfahrt verkaufen könnte, hat man sich hier für Salmonellen entschieden. Die Frau neben Stefan kaufte gleich zwei und alle Kinder bekamen auf jeden Fall auch eins. Während sich eine Frau mit Baby und Torte an ihr vorbei quetschte, lehnte sich eine Eishändlerin in unsere Sitzreihe und hielt uns das Tablet unter die Nase, wir starrten fassungslos drauf und versuchten unter der einsetzenden staubigen Lüftung nicht zu husten. 6 Uhr, Eishändler raus, Abfahrt.
Anfangs war es noch hell, wir bestaunten die ausgehöhlte Wüstenlandschaft und warfen einen letzten Blick auf Potosí. Dann wurde es bald dunkel, und das bedeutet in dieser Gegend stockfinster, ohne die Buslichter sieht man vermutlich nicht die Hand vor Augen, dafür aber den nahen, wunderschönen Sternenhimmel der Südhalbkugel.
Neben uns kaute ein Paar unablässig Kokablätter und hin und wieder hielten wir irgendwo. Manchmal sahen wir Häuser, manchmal stiegen Leute aber auch im Nirgendwo ein oder aus. Vor jedem Halt wurde gehupt, damit niemand persönlich geweckt werden mussten.
Zwei mal hielt der Bus unangekündigt um jemanden von der unbeleuchteten Straße einzusammeln. Das erste mal war unspektakulär, eine Frau die nach Ticatica wollte. Beim zweiten mal setzte der Bus zurück und der Fahrer stieg persönlich auf seiner Seite aus und redete länger mit jemandem. Dann stieg ein Typ mit Bommelmütze, Pocho und weißem Bündel ein. Unter dem Arm hatte er einen langen Spieß. Die Busbegleiterin fragte wo er hin wolle, nach Uyuni zum Friedhof, Nachts um halb 10 mit Spieß. Die Busbegleiterin nahm das ungerührt zur Kenntnis. Vielleicht war er ja nur der Friedhofswärter und heute spät dran.
Von weitem sahen wir bald eine größere Stadt im Tal, das muss Uyuni sein.