Sucre – Markt und Tanz

Sucre – Markt und Tanz

Zwischen zerklüfteten Bergen liegt eine der beiden Hauptstädte des Landes, ganz nah an den Wolken. Jedenfalls kam uns das so vor, als wir aus dem Flugzeug ausstiegen. Gleich war uns etwas schwindelig, die Stadt liegt auf fast 3000 Metern Höhe, der Flughafen noch etwas höher. Hier wollten wir uns ein paar Tage akklimatisieren, bevor es noch weiter nach oben geht.

Auf der neuen Serpentinenstraße fuhren wir nach unten durch ein paar kleine Dörfer, bis die weiße Silhouette der Stadt vor uns auftauchte. Das soll die schönste Stadt Südamerikas sein. Schon von Weitem glaubten wir das gern und auch aus der Nähe fiel uns später kein Wiederspruch ein. 

Weiter unten ging es schon etwas weniger idyllisch zu, wir hatten die Rushhour erwischt. Colectivos und noch schrottigere Autos als in Santa Cruz quetschten sich durch die hügeligen, verstopften Gassen. Bei den Häusern sieht es anders aus, eins schöner als das andere, alle in frischem Weiß, einige mit schicken Holzbalkonen oder Galerien. Sukkulenten wuchern auf den Stromleitungen über den Straßen. Egal in welche Straßenschlucht man blickt, in jeder Richtung erheben sich traumhafte Berge in der Ferne und hinter jeder Mauer reckt sich die Spitze eines Kirchturms ins Bild. 

Wir wohnten neben einem kleinen, palmenbewachsenen Platz und von dort kündigte pünktlich zum Sonnenuntergang ein richtig nerviger Papageienschwarm das Ende unserer verspäteten Siesta an. In Sucre gibt es keine ebene Straße, egal wohin, es geht immer bergauf oder bergab. Kaum der Rede wert, aber auf 3000 Metern einfach eine ganz andere Nummer. Etwas erschrocken schauten wir die Straße hoch, in der wir eine Show besuchen wollten, das waren mindestens 500 Meter. Oben waren wir völlig außer Atem und hatten Kopfschmerzen. Drei Tage später kam uns das an der gleichen Stelle ziemlich lächerlich vor. 

Jetzt am Abend, im Licht der schummrig gelben Straßenlaternen, sieht die Stadt sogar noch schöner aus. An den idyllisch beleuchteten Gassen konnten wir uns kaum sattsehen.  

Die Show fand im Espacio Cultural Origenes statt. Traditionelle Tänze aus allen Landesteilen und Epochen wurden auf der Bühne und auch im Publikum aufgeführt. Vor Allem die gruseligen Gestalten lauerten uns hin und wieder von hinten auf. Es gab nur eine Tanzgruppe, die sich ständig umziehen musste. Traditionelle indigene Tänze, koloniale- und Tänze die von afrikanischen Sklaven mitgebracht wurden, der Abend war wahnsinnig kurzweilig. Die Kostüme waren super aufwändig, die Tänze beeindruckend und uns war es ein Rätsel, wie man sich auf dieser Höhe derart bewegen kann. Hüte mit riesigem Federschmuck, Sagengestalten und der bolivianische Sandmann mit seinen Albträumen, lösten sich auf der Bühne ab. 

Dazu gab es Essen, wir ließen uns die Chance auf Paiche, den leckeren Amazonasraubfisch nicht entgehen. Dazu, weg mit den Vorsichtsmaßnahmen und her mit zwei Litern frisch gepresstem Annanas-Minz Saft. 

Früh am Morgen besuchten wir das wohl schönste Haus in der schönsten Stadt. Das Casa de la Libertad. Hier wurde 1825 die Unabhängigkeitserklärung von der spanischen Kolonialherrschaft unterzeichnet. Das Schriftstück konnten wir in einer Glasvitrine im zugehörigen Saal bewundern, eine alte Kirche mit goldener Empore. Dort trafen wir ein nettes älteres Paar, sie sprachen etwas englisch und freuten sich über ausländische Besucher. Sie führten uns ein bisschen rum und zeigten uns die Reliquien der Heldinnen im Nebenzimmer. 

In dem verwinkelten Gebäude gab es noch viel mehr schöne Ecken, von dem herrlichen Innenhof mit Rosenstöcken zweigte ein schattiger Gang zu einem Nebengebäude mit prunkvollen Möbeln und Gemälden aus der Kolonialzeit ab. Anscheinend gibt es davon mehr als genug, denn eine mehrere hundert Jahre alte Bank mit verziertem Lederbezug diente einfach weiter als Sitzgelegenheit im Hof. 

Im Obergeschoss befindet sich ein Museum, das sich nicht nur mit der Unabhängigkeit des Landes, sondern auch mit den Kriegen danach beschäftigt, in denen das einst reiche Bolivien seinen Seezugang an Chile verlor.

Das Haus liegt direkt am zentralen Platz, hier dem 25. Mai gewidmet. Die Plätze in diesem Land ähneln sich, Schuhputzer, schattige Bäume, alle Wege verlaufen zur Statue in der Mitte und an einer Seite liegt die Fassade einer schönen Kirche. In Sucre ist der Platz natürlich besonders schön, bunte Blumenbeete, mehrere Stauen und Brunnen und rings herum die schönsten Häuser des Landes. Am 25 de Mayo ist immer was los, Familien mit spielenden Kindern am Abend, Schuhputzer am Tag, Snacks am Morgen. Nachts sind einige Gebäude ringsum, bunt beleuchtet und zumindest am Wochenende gab es jede Menge Musik, eine Trötenband an einem Ende und Partymusik von einem LKW am anderen.    

Wir sahen viele Colectivos zum Mercado Central fahren und ließen uns in die gleiche Richtung treiben. Angekündigt durch Trubelige Menschenmengen erreichten wir einen unscheinbaren Eingang und wurden drin von einer unglaublich starken, süßen Duftwolke empfangen. Wir wurden in der Blumenabteilung in den Markt gespült und bahnten uns von dort einen Weg durch das undurchdringliche Labyrinth aus Treppen, Rampen, Gängen und Zwischenetagen. Von den Blumen ging es weiter zur Geburtstagsabteilung und von dort zu dem Torten, haufenweise bunte Sahnetorten standen einfach so am Gang. In einer unscheinbaren Ecke gibt es sogar eine Kapelle und im Erdgeschoss Gänge mit festen, abschließbaren Ständen für Fleisch und Fisch. Außen rum liegen die Käsestände. Hier unten ist der Geruch eher gewöhnungsbedürftig. 

Die Obst und Gemüsenabteilungen in den verworrenen oberen Stockwerken sind mehr oder weniger nach Sorten sortiert. Blumenkohl hier, Orangen am anderen Ende. Es gibt aber auch Leute, die einfach in den Gängen, auf Treppen oder auf kleinen freien Flächen sitzen und eine kleine Portion von ihrem Gemüse verkaufen. Ein paar Chilis, auf einer Decke ausgebreitet, oder ein Korb Avocados. Bei den Avocados blieben wir kurz stehen und schon hatten wir ein leckeres Stück in der Hand. Ob wir auch noch die andere Sorte probieren wollten? Ja, klar. Überzeugt waren wir jedenfalls schnell und packten drei riesige reife Exemplare zum Abendessen ein. Dann testeten wir einen der winzigen Empanadastände. Wie man Gebäck so saftig füllen kann, bleibt uns ein Rätsel.

Durch enge, vollgestellte Gänge kamen wir in die Innenhöfe. Einer gehörte den Kartoffeln und wir fanden uns zwischen hunderten Säcken mit verschiedenen Sorten. In einem anderen Hof wurden frisch gepresste Säfte verkauft und an allen Ständen saßen Leute mit großen Gläsern voll bunter Getränke. In den Seitengängen dazwischen gab es frische und getrocknete Kräuter, die ihren Duft in den Markt verströmen. Als Tee, Opfergaben und Medizin, sind die Bündel Meter hoch gestapelt.     

Neben den bunten Waren, bestaunten wir die Kleidung der Verkäufer und Besucher, nirgends sonst in der Stadt prägen die bunten Röcke und langen Zöpfe der indigenen Andenbevölkerung das Bild so wie hier. 

Wir blieben noch zum Essen, oben gibt es mehrere Abschnitte mit aneinandergereihten Küchen, dicke Patina, aber gut besucht. In den Töpfen köchelten die leckersten Dinge, wir nahmen einfach den nächsten freien Tisch. Über allen Ständen hingen Schilder mit den gleichen Gerichten und wir dachten zuerst, es gäbe alles überall. Die Standbetreiber störten sich nicht weiter an unserer Dummheit und holten die fehlenden Items aus unserer Bestellung kurzerhand von den Nachbarn. Nur die Gerichte mit den draufgekritzelten Preisen werden am jeweiligen Stand zubereitet.       

Für einen Nachtisch waren wir zwar zu vollgestopft, aber später sieht das sicher anders aus. In der Gegend um Sucre wird Kakao angebaut und am Platz gibt es ein Schokoladengeschäft. An Glasvitrinen aus dunklem Holz mussten wir uns zwischen unzählige Sorten entscheiden. Eigentlich wollten wir dunkle, nahmen dann aber auch noch weiße mit und Salz aus Uyuni wollten wir natürlich auch probieren. 

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