Samaipata – Riesenfarn und Inkaheiligtum

Samaipata – Riesenfarn und Inkaheiligtum

Die Straße nach Samaipata war vor wenigen Tagen noch unpassierbar, wieder hatten wir Glück und waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Unser Fahrer, Alberto, bekreuzigte sich, als wir die Stadt verließen. 

Wir wollten dieses Glück nicht überstrapazieren und hielten es für eine gute Idee, schon ein paar Tage vor Abflug in der Nähe von Santa Cruz zu sein. Der riesige Amboro Nationalpark schien uns der richtige Ort dafür. Also fuhren wir in die Yungas, die Nebelwäldern Boliviens.  

Unterwegs mussten wir die Reste der letzten dicken Schlammlawinen überwinden. LKW schlängelten sich in Zeitlupe über die glitschigen Straßen, der Bus nach Sucre steckte fest, und die Steine, die zum Anfahren unter die Reifen kamen, wurden von einem Fahrzeug zum nächsten weitergereicht. Meist war nur eine Spur befahrbar und die andere entweder unter Geröll begraben oder zur Schlucht hin weggebrochen. Alberto quetschte sich irgendwie durch den Stau und nach drei Stunden erreichten wir Samaipata. 

Das Städtchen ist Ausflugsziel für die Leute aus Santa Cruz und Hauptstadt der Auswanderer. Wir verstanden schnell warum. Nach drei Wochen im sauerstoffarmen Hochgebirge und im schwülen, stickigen Amazonasdschungel, ließ das Klima hier keine Wünsche offen. Warm und sonnig, nicht zu heiß, nicht zu feucht und umgeben von grünen Wäldern und Wiesen. 

Unsere Vermieterin war deutsche und damit nicht die einzige im Ort. Unsere Zimmer lagen an einem wunderschönen bunten Garten, mit Pool und Papageien und es gab am nächsten Morgen sogar vegetarisches Frühstück. Aber wir duschten nur schnell und zogen wieder los. Am zentralen Platz aßen wir noch eine Kleinigkeit, bevor uns  Alberto schon wieder einsammelte. Unser Taxifahrer, der uns eigentlich nur vom Busbahnhof ins Hotel bringen sollte, hatte kurzerhand Pläne für unseren Nachmittag gemacht, er fuhr uns zum Fuerte. 

Über einen seichten Wanderweg, mit Aussicht auf die grüne, hügelige Landschaft und ein seichtes Tal mit kleinen Dörfern, kamen wir zu diesem seltsamen Ort. Den ersten Blick warfen wir von einer Aussichtsplattform auf das Inkaheiligtum, ein ca.100 Meter langer und 30 Meter breiter, bearbeiteter dunkler Felsen.

Name und Bedeutung des Orten sind verloren, aber er sieht aus wie eine Miniversion von Machu Picchu, als Modell in der Fels geschlagen. Oben drauf befinden sich Symbole und Linien, ein Jaguar und ein Affe, vom Regen etwas verwaschen. An den Seiten sind über mehrere Etagen Häuserfronten in den Fels gekratzt, die nach oben immer kleiner werden, sodass die Anlage viel größer aussieht, als sie eigentlich ist. Türen, Fenster, Dächer, aber keine Räume dahinter. Auf der anderen Seite gibt es eine Art Tempel mit einem kleinen Wasserbecken, an dem Mumien präpariert wurden.           

Später wurden darunter Agrar-Terrassen angelegt und richtige Häuser vor die Felsfronten gesetzt. Dann kamen die Spanier, fanden die Anlage praktisch und bauten sich eine Art Burg auf die Inkamauern. Aber auch über diese Zeit ist wenig bekannt. Wie so vieles in diesem Land, ist auch El Fuerte ein großes, wahnsinnig beeindruckendes Rätsel.

Auf dem Rückweg hielt Alberto an einer Felswand, er wolle uns etwas zeigen, was nicht mal die meisten Einheimischen kennen. Aus der Wand schaute ein riesiges Inkagesicht. 

Im Ort gibt es ein kleines archäologisches Museum. Wir wollten dort noch etwas mehr über die Geschichte der Gegend erfahren. In dem sonnigen Kolonialhaus erwartete uns ein bunter Innenhof, mit großen Blumen, aufgeregten Kolibris und diesen langen, hängenden Kakteen. Sie sehen ganz weich und flauschig aus, sind aber super stachelig.    

Hier gab es Bilder der Verzierungen auf dem Fuerte, viel deutlicher, als wir sie von oben erkennen konnten, noch ältere Höhlenmalereien und die andentypischen, in Töpfen und Körben verpackten Mumien. 

Die Gegend um Samaipata ist Kaffeeanbaugebiet, und zwar ein richtig gutes. Weil Bolivien keinen Seezugang hat, hat das Land keine Chance auf dem Markt mit den üblichen Sorten und musste sich spezialisieren. Nur das gute Zeug wird hier angebaut. Sortenreiner schokoladiger Arabica aus anspruchsvollen, seltenen Pflanzen. Aber Kaffee zu kaufen, war gar nicht so einfach. Im Supermarkt erwischten wir die letzte Packung. Alberto und unsere Vermieterin schickten uns zu Don Oscar, wo wir glücklich die letzten zwei Beutel Geisha ergatterten, für uns die leckerste Sorte. Wir zogen weiter, durch die gemütlichen, rustikalen Röstereien und deckten uns noch mit Caturra und Catuai ein. Nebenbei erkundeten wir den Ort.

Die meisten alten Kolonialhäuser sind hier noch gut erhalten und gepflegt. Hier und da schmücken bunte Graffitis die Wände von Läden und Restaurants. Wo Platz ist, wachsen bunte Blumen und dicke Sukkulenten hängen an den Stromleitungen. Vor den kleinen Geschäften gibt es meist niedrige Gatter für die Hunde, in anderen gehören die Straßenhunde und -katzen zum Konzept. Nebenan gab es ein kleines Restaurant, einfach bei jemandem zu Hause und während wir aßen, erschien immer mal wieder eine Nachbarin mit einem Teller in der Tür, der mit dem Tagesgericht zum Mitnehmen gefüllt wurde.   

Auch in Amboro gilt, Nationalpark nur mit Guide. Wir machten uns auf die Suche nach einer Agentur und fanden den familiärsten Touranbieter der Stadt. Ohne frisch aufgefüllte Wasserflaschen und Banane ließen sie uns nicht aus dem Büro. Gut versorgt fuhren wir im Geländewagen über steile, felsige Wege in die umliegenden Berge. Nach 45 Minuten hielten wir an einer Hütte, bezahlten den Eintritt und bekamen einen Wanderstock, den wir später noch gut gebrauchen konnten. 

An meinen Schuhen klebte noch der rote Matsch von Torotoro, unser Guide lachte und meinte, die seien sauber im Vergleich zu dem, was gleich kommt. Vorbei an Tabakpflanzen und Heilkräutern erreichten wir bald eine rutschige Treppe, etwas weiter oben hatten wir eine wahnsinnig schöne Aussicht auf das Tal. Hier führte ein Pfad in den Wald und je höher wir kamen, desto schwüler und matschiger wurde es. Nachts steht hier dichter Nebel. Der Dschungel begann unspektakulär, wurde aber Schritt für Schritt zu einer verwunschenen Zauberwelt. Kreuz und quer wuchsen gewundene Äste über den Weg, dick mit tropfenden Moosen und bunten Flechten behangen. Hier und da hingen leuchtend blaue Beeren oder rote Blüten. Schaurig und idyllisch führte uns der urtümliche Pfad immer weiter nach oben.  

Mitten auf dem Weg tauchte der erste Riesenfarn auf. Er war einen guten Meter hoch und sah aus wie ein kleiner Baum. Mindestens 80 Jahre ist diese Pflanze schon alt, Riesenfarn wächst nur 3 Millimeter im Jahr. Nach und nach übernahmen die Farne den Wald und wir streiften zwischen den großen Blättern hindurch. Die unteren Blätter sterben ab und hängen wie ein zerlumptes Kleid am Stamm, bevor sie runter fallen und für einen fluffigen Boden sorgen.  

Riesenfarne gehören zu den ältesten Lebewesen der Welt, die ältesten hier sind fast tausend Jahre alt, aber die Art gab es unverändert schon vor den Dinosauriern und so urzeitlich sieht es hier auch aus. 

Der Weg wurde immer matschiger, unsere Schuhe waren bald nicht mehr von den Socken zu unterscheiden und ohne Wanderstöcke hätten wir die Tour vermutlich irgendwann auf dem Arsch fortgesetzt. 

Oben angekommen, gab es nur noch hohe Farne um uns herum und während wir völlig verzaubert in diesem tiefen, urzeitlichen Wald standen, zog mehr und mehr Nebel auf. 

Auf dem Rückweg legten wir eine Pause an einem Aussichtspunkt ein und beobachteten, wie der Nebel aus dem Tal langsam die umliegenden Berge einhüllte. Zurück an der Hütte, entfernten wir die gröbste Matschkruste mit dem Wasserschlauch. Als wir zurück nach unten fuhren, schien schon der Mond über dem Tal.                     

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