Uyuni – Sandsturm
Uyuni ist eine karge Wüstenstadt und was wir im Dunkeln sehen konnten, war erstmal befremdlich, kahle, staubige Straßen, halbfertige Flachdachbauten, dazwischen zahllose wilde Hunde und Müll. In einem dieser halbfertigen Häuser lag unser Hotel, aber es sollte ja nur für eine Nacht sein.
Drin sah es anders aus, alles war aus Salz, Wände, Treppen, Betten und die meisten anderen Möbel. Salz, mit bunten weichen Kissen und Bommeln dekoriert. Aus einer Nacht wurden für Christian und mich drei. Christian war der Erste von uns, den die Höhenkrankheit mit voller Wucht erwischte. Dabei dachten wir, alles richtig gemacht zu haben, langsam hoch, mehrere Tage Zeit lassen, tagsüber höher sein als nachts. Aber dann gehört eben auch noch etwas Glück dazu.
Nach einem ausgiebigen Frühstück machte ich mich auf die Suche nach einem Kiosk, um Wasser zu kaufen. Drei Blocks entfernt, an einem kleinen Markt, gab es den nächsten Laden. Drei Blocks in der tristesten Straße, die ich je gesehen habe. Als ich das Hotel verließ, sah es bei Tageslicht betrachtet so aus.
Unterwegs begegnete ich nur ein paar LKW, die die Straße in eine undurchdringliche Staubwolke hüllten und einem Hund, der ziemlich sauer war, dass ich seinem Müllhaufen zu nahe kam.
Nur an der Tankstelle war viel los, die Allradfahrzeuge für die Touren zum Salzsee bildeten zusammen mit Bussen, LKW und Privatautos mehrere sehr sehr lange Schlangen. Treibstoff ist knapp im Land. Mit einer riesigen Staubwolke kam schließlich der Tanklaster.
Auf dem Markt wurden nur Früchte von den Ladeflächen einiger LKWs verkauft. Ich wollte welche von den süßen, grünen Orangen und die Verkäuferin fing an, mir zwei Kilo einzupacken. Wer kauft denn nur zwei Orangen?
In dem winzigen Kiosk hingegen gab es alles andere, inklusive Katzenbaby und um die Wasserflaschen aus dem Kühlschrank zu holen, musste ich mit der Verkäuferin zusammen erstmal das Klopapier darauf umschichten.
In Sucre gab es schon erstaunlich viele Wasserflaschengrößen, aber hier oben geht es eigentlich erst bei zwei Litern los, üblich sind eher drei. Damit das Blut nicht dick wird, muss man viel trinken und mit den riesigen Flaschen wird das einfacher. Auch Limos gibt es eher in diesen Größen, auch im Restaurant. Alles darunter heißt “personal”. Wir fielen aber immer wieder darauf rein, irgendwas in groß zu bestellen und saßen dann vor drei Litern Cola.
Neben dem Kiosk liegen mehrere Hexen- und Wahrsagerstuben an denen man sich Opfergaben mischen lassen und die auch auf kleinen Grills, direkt davor verbrennen kann.
Obwohl ich mich ganz gut akklimatisiert fühlte, musste ich nach den 300 Metern erstmal ausruhen.
Später beschloss ich, die Innenstadt zu erkunden. Denn wir waren knapp bei Kasse und brauchten Bargeld. Immernoch etwas fremdelnd zog ich los. Um diese Zeit war Uyuni eine Geisterstadt, auf der ersten Hälfte des Weges sah ich keinen einzigen Menschen. In einigen der breiten Straßen gab es in der Mitte klägliche, vertrocknete Blumenkästen, keine Chance in der Wüste. Manchmal hörte ich ein Geräusch hinter mir und wenn ich mich umdrehte, war es immer eine Plastiktüte, die mich wie ein rollender Busch verfolgte. Das war der Anfang des Sturms, der die Stadt am späteren Nachmittag prägte.
Dann begegneten mir vereinzelt Menschen und der belebtere Teil der Stadt wurde durch Grillrestaurants angekündigt, in denen Berge von Fleisch brutzelten. Überall wird empfohlen, auf großer Höhe kein Fleisch zu essen, weil es so schwer verdaulich ist. Nur die Leute, die hier oben leben, scheint das nicht zu interessieren. Eine Mahlzeit, die kein Steak ist, ist in Uyuni kaum zu finden. Außer Quinoa wächst ja hier auch nicht mehr viel.
Nach etwa einem Kilometer, für den ich über eine halbe Stunde unterwegs war, erreichte ich die Innenstadt. Eine kleine Straße mit Tourirestaurants, ein winziger Park, eine kurze, richtig asphaltierte Straße mit Bürogebäuden und auf der anderen Seite einen Markt, der sich zwei Tage später, am Markttag von hier aus über die halbe Stadt ausbreiteten und tausende Menschen anlocken würde. Aber heute waren hier nur eine Hand voll Leute unterwegs.
Auch hier gibt es Künstler. Sie haben die Atmosphäre der Stadt vollständig in riesigen, dystopischen Figuren aus Schrott verarbeitet, die die Verkehrsinseln zieren.
Der Rückweg fühlte sich an, wie ein Tagesmarsch. Diesmal war ich für den Kilometer fast eine Stunde unterwegs und musste immer wieder eine Pause machen. Es gibt keine Wegpunkte und ich wusste nie, wie weit ich schon gelaufen war, alles sieht gleich aus, braun und staubig. Die Nachmittagssonne brannte jetzt auf den Gehweg, kaum vorstellbar, dass hier in wenigen Stunden wieder Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt herrschen würden. Es war etwas mehr Verkehr und der Sauerstoffmangel machte jede Kreuzung zum Glücksspiel. Und letztlich setzten die Sandstürme ein und ich musste immer wieder rückwärts gehen.
Später heulte der Sturm durchs ganze Hotel. Uyuni zählt zwar nicht zu den schönsten Urlaubserlebnissen, aber definitiv zu den interessantesten und echtesten Erfahrungen und die Leute, denen ich begegnete sorgten dafür, dass ich mich schließlich auch hier wohlfühlte.
Am Abend aß ich im Hotelrestaurant, der Kellner fragte mich nach meiner Zimmernummer und dann nach den 14 Hühnchen, die auf dieses Zimmer bestellt worden waren. Oh Gott! Zum Glück tauchte die zugehörige Reisegruppe noch auf und verspeiste den Vogelschwarm. Ich entschied mich für ein saftiges, zartes Lamasteak, schmeckt wie Rindfleisch mit einem Hauch Ziege.
Das Hotel hatte auch noch ein paar Sehenswürdigkeiten zu bieten, in einem kleinen Museum gab es Figuren aus Salz, traditionelle Kleidung und seltsame Klumpen, die sich als mumifizierte Tierschädel entpuppten. Über eine klapprige Außentreppe kamen wir aufs Dach und konnten uns diese seltsamen, halb fertigen Häuser von oben ansehen. Am Abend gab es im Restaurant live Musik, ein Musiker mit mindestens zehn Panflöten spielte die traditionellen Lieder, die wir schon aus Sucre kannten. Die Jungs von der Rezeption warfen sich Ponchos über und sangen dazu.