Torotoro – Dinosaurier im Rathaus und der Friedhof der Schildkröten

Torotoro – Dinosaurier im Rathaus und der Friedhof der Schildkröten

Schon die Anreise in den Nationalpark war spektakulär. Immer wieder kreuzten wir die alte Pflasterstraße, auf der es vor kurzem noch acht Stunden nach Torotoro dauerte. Die neue war nach der Regenzeit jedoch auch schon ganz schön kaputt. Überall lagen dicke Felsbrocken im Weg und die halbe Straße war mit Matsch und Erde bedeckt. Wir hatten Glück, noch vor einer Woche war hier wegen Erdrutschen garkein Durchkommen. Nachdem wir ein komplett abgerutschtes Stück über eine behelfsmäßige Schotterrampe überquert hatten, hofften wir, dass dieses Glück auch noch bis zur Rückfahrt nach Cochabamba halten würde. Auch die Einheimischen zückten hier ihre Handys für ein Foto und den meisten war die Straße ebenfalls nicht ganz geheuer. Unser Fahrer verputzte die obligatorische Tüte Koka, obwohl es hier garkeine großen Höhenunterschiede gab , wahrscheinlich um mutiger für die Fahrt zu sein. Bevor wir die Stadt verließen, bekreuzigte er sich.  

Besser, wir konzentrieren uns wieder auf die Landschaft, Felsen in allen Farben und Formationen und dazwischen immer wieder kleine Dörfer. Schließlich überquerten wir einen breiten Fluss und fuhren in die gepflasterten Gassen dieses wahnsinnig idylischen Bergdörfchens.

Obwohl es schon Nachmittag war, meinte unser Vermieter, wir könnten noch eine Tour machen. Wir sollten aber den Guides nicht trauen, für die sei jeder Ausflug kurz und einfach. 

In Bolivien dürfen Nationalparks nicht mehr ohne Guide betreten werden. Ein Glücksfall für dieses Dorf, das Geld bleibt dort und die Touristen trampeln nicht überall rum. Dass die neue Straße dem Örtchen gut tut, sieht man auf den ersten Blick, es gibt eine neue Markthalle und überall wird noch ein Stockwerk oben aufs Haus gebaut. Nur mit den Dinosauriern übertreiben sie ein bisschen. Dinofiguren zieren Hotels und Restaurants und im Rathaus schwebt ein großer Flugsaurier. Um den zu sehen, muss man aber erstmal an dem großen T-Rex vorbei, der den höhlenartigen Eingang bewacht. Auch der obligatorische zentrale Platz gehört den Dinos. 

Zwischen den alten Lehmhäusern und rustikalen Läden hält man ein Pläuschchen auf der Straße oder ruht sich im Schatten aus. Wo kein Dino auf dem Haus sitzt, sind oft die Wände bunt bemalt und dekoriert und bunte Blüten zieren Fenster und Gärten. Rund um den Markt herrscht immer ein geschäftiges Treiben, und zwischen den Obst- und Gemüseständen werden die Collectivos bis unters – und auf dem Dach beladen. 

Erstmal mussten wir uns bei den Rangern anmelden und die Gebühr für den Park bezahlen. Mit der Eintrittskarte fanden wir im nächsten Gebäude das Büro der Guides, die uns fröhlich reinwinkten. Die Verhandlung, was wir heute noch machen könnten, fühlte sich an wie ein Einkauf beim Bäcker. Wir nehmen die großen Dinospuren und dann noch den Schildkrötenfriedhof. Jede Sehenswürdigkeit hat einen Festpreis und kann beliebig kombiniert werden. Alles „ganz einfache, kurze“ Wanderungen.

Wir bekamen Gabriel zugeteilt und folgten ihm durchs Dorf. Und uns folgte Pablo, ein großer schwarzer Hund, den wir am Markt aufgegabelt hatten, jetzt hatte er vor dem Büro auf uns gewartet. Unser erstes Ziel lag am Fluss, über die glatten Felsen wanderten wir zu einer langen Dinosaurierfährte, die sich den Hügel hochzieht. Früher war das alles Sumpf und flach, erst später hob sich das Land, formte diese verrückten Berge hier und die Spuren wurden frei gewaschen. Gabriel hatte sogar den passenden Plastikdino dabei. Wir waren von den riesigen Fußabdrücken beeindruckt und quer darüber verläuft sogar noch eine weitere Spur eines kleineren Fleischfressers.

Wir waren höchstens hundert Meter von der Brücke entfernt, aber unser Guide wollte wahrscheinlich sehen, was er morgen mit uns anfangen könnte. Also überquerten wir den Fluss einfach hier, an der breitesten Stelle, über wackelige Steine. 

Jetzt verließen wir das Dorf am anderen Ende, Pablo kam noch ein Stück mit, geriet dann aber in Streit mit einem anderen Hund und blieb im Ort zurück. Nach den letzten Häusern führte uns der Weg an einem grünen Tal entlang. Vor der Kulisse der traumhaften, bunten Berge fließt ein idyllischer Bach durch Kuhweiden und Getreidefelder. Auf der anderen Seite des Weges liegen vereinzelte Bauernhöfe, Kinder spielten in den Höfen unter der Wäsche, ältere Leute warteten kokakauend am Straßenrand auf den nächsten Gesprächspartner und hier und da brannten Feuer fürs Abendessen. Wir begegneten einer Ziegenherde und einer Schäferin mit buntem Bündel, die ihre Tiere nach Hause ins Dorf trieb. Dann durchqueren wir den Bach und wanderten über steile Serpentinen nach oben. Jugendliche nutzten diesen Abschnitt für abenteuerliche Motorradabfahrten. Was soll man auch sonst an diesem abgelegenen Ort machen? 

Oben bogen wir ins Feld ab. In dem flachen Tal liegen einzeln verstreute Lehmhütten, einige Einheimische kamen uns aus den Feldern entgegen, ein Mann molk eine Kuh. Torotoro ist mit seiner Idylle fast schon zu kitschig. 

Mitten im Feld steht ein kleines Museum mit Fossilien, dahinter erstreckt sich der Schildkrötenfriedhof. Jetzt sind wir auf fast 3000 Metern Höhe, aber früher war diese Gegend ein Meer und aus der roten Erde ragen überall dicke, weiße Schildkrötenpanzer. Einige sind riesig. Am Weg gibt es außerdem zwei gut erhaltene Echsenskelette.

Ein unwirklicher Ort, diese feuerrote Erde zwischen den Bergen und Feldern und zu allem Überfluss ging jetzt auch noch die Sonne unter und tauchte die Umgebung in ein mystisches Licht. Auf dem Rückweg wurde es langsam dunkel, nur die Feuer auf den Bauernhöfen erhellten noch etwas den Weg. Als wir im Dorf ankamen, war es schon stockdunkel. Gabriel machte uns noch Vorschläge für morgen, alles ganz einfach und kurz. Er würde im Büro auf uns warten.

Torotoro entpuppte sich schnell als einer der schönsten und atmosphärischsten Orte auf unserer Reise. Das Dorf, die außergewöhnlichen Landschaften und die herzlichen Menschen, die sich freuten, dass mit der neuen Straße so viele Touristen in den Ort kommen. Damit meinten sie wahrscheinlich mehr als eine handvoll im Monat, wir trafen nur vier.  

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