Torotoro – Felsspalte in eine andere Welt
Am Morgen standen wir wieder im Guidebüro und bestellten Gabriels Pläne. Wir nehmen einmal den Canyon, und dann noch Turu Rumi und die Ciudad de Itas. Dann stellten wir erschrocken fest, dass unser Guide, der gestern mit Sandalen durch mehrere Flüsse gewandert war, heute feste Wanderschuhe trug. Ohoh, was hatte der Vermieter gestern gesagt? Alles ganz einfach, haha.
Gabriel interessierte sich erstmal für unseren Proviant und befand, dass wir im Markt noch Sandwiches holen sollten. Die wurden ganz frisch für uns zubereitet, mit Spiegelei und Käse. Bis hierher war auch wieder Pablo dabei, durfte aber nicht mit ins Auto.
Den Canyon erreichten wir nach einer kurzen Fahrt und nach ein paar Stufen standen wir schon auf der ersten Aussichtsplattform. Wahnsinn, eine 400 Meter tiefe, schmale Schlucht tat sich vor uns auf. Tief unten hörten wir einen Wasserfall in den Fluss stürzen, der von hier oben nur wie ein schmaler Strich aussah. Wir wanderten am oberen Rand des Canyons entlang und bestaunten die bunten Verwaschungen aus der Regenzeit und die wilden Dschungelpflanzen an den Felswänden. Hier und da überquerten wir schmale Bäche, die sich in den regenreichen Monaten kleine Täler zur Schlucht hin ausgespült hatten und winzige eigene Landschaften bildeten. Immer wieder blieben wir stehen und bestaunten die Aussicht.
Dann erreichten wir eine zweite, etwas gruselige Aussichtsplattform, ein Gitter, überspannt hier einen Seitenarm der Schlucht und wir konnten ganz tief in den Canyon hinein sehen.Die Aussicht war überwältigend.
Der Rückweg führte uns durch ein fast trockenes Flussbett aus Kalkstein. Hier und da waren noch milchige Pfützen und grünliche Pools verblieben und unter den Steinen kam ein seichter Bach zum Vorschein, eine seltsam urzeitliche Landschaft. In der Flussmitte wächst ein einziger, verkrüppelter Baum, ganz verdreht und die Wurzeln in den Felsen verschlungen, ein mystischer Anblick. Gabriel sagte, er sei schon 800 Jahre alt und dass man ihm magische Kräfte nachsagt. Dort wo das Flussbett in Wasserfälle überging, überquerten wir diese über natürliche Brücken, die von dem löchrigen Kalkstein übrig sind. Oben wurde das Flussbett breiter und bot uns einen perfekten Picknickspot zwischen Sukkulenten und Dinospuren.
Am Ende des Weges verwandelt sich das Flussbett in ein natürliches Amphitheater. In einem Halbkreis bildet das bröselige Gestein fast regelmäßige Stufen über mehrere Meter Höhe. Überall tröpfeln die Reste kleiner Wasserfälle daran hinunter und aus allen Ritzen wuchern Pflanzen.
Pause, die nächste Stunde verbrachten wir im Auto, dass uns mal wieder auf 4000 Meter Höhe beförderte. Gabriel und der Fahrer stopften sich mit Blättern voll und auch wir kramten unser Koka raus.
Vorbei an idyllischen, einsamen Bauernhöfen, Quinoa- und Maisfeldern und immer wieder quer durch einen Fluss, in dem später die Einheimischen badeten, ging es nach oben. Besiedlung und Vegetation wurden dünner, aber auch auf weit über 3000 Metern leben noch Menschen und bewirtschaften kleine Getreide- und Kartoffelfelder per Hand.
Seltsame lange und dürre Nadelbäume gaben immer wieder den Blick auf das Tal frei und wir konnten sehen, wie sich der Canyon tief unter uns in die Landschaft schneidet. Ganz geheuer war uns die Strecke nicht, neben dem teils abgebrochenen, steinigen und matschigen Weg ging es nicht selten hunderte Meter direkt nach unten. Schließlich erreichten wir ein Plateau, auf dem nur noch einzelne riesige Felsbrocken in seltsamen Formen die Straße säumten, einige sahen aus wie Köpfe von Riesen und Trollen mit deutlichen Gesichtern. Unter einem Felsbrocken, groß wie ein Hochhaus, hielten wir an.
Neben dem Felsen quetschten wir uns durch einen unscheinbaren Spalt und landeten in einer anderen Welt. Wir durchquerten ein sandiges, mit bunten Blumen, Kakteen und krüppelwüchsigen Bäumen bewachsenes Tal und stiegen auf der anderen Seite über ein paar Felsen wieder hinaus. Dahinter versteckte sich eine surreale Landschaft mit Wasserbecken, Sandstränden und glatten, runden Felsmauern, über die wir durch das Gelände kletterten. Mittendrin gibt es ein Vogelbad, an dem sich am Abend die Kondore tummeln. Es ist so regelmäßig geformt, dass wir kaum glauben konnten, dass es natürlich entstanden ist.
Hinter den Wasserbecken wartete die nächste Überraschung. Ein rotes, kahles Felsplateau. Mystisch stiegen rings herum Wolken und Nebel aus dem Tal auf. Vom Rande des Plateaus blickten wir auf ein weites, grünes Becken mit einem unberührten, urzeitlichen Wald, dass vollständig von den roten Felsklippen eingeschlossen wird.
Turu Rumi ist ein so atemberaubender, surrealer Ort, als läge ein anderer Planet hinter diesem riesigen Felsbrocken verborgen.
Mit dem Auto fuhren wir weiter durch die mystische Riesenwelt, zur Ciudad de Itas. Oben waren wir, aber trotzdem ging es immer gefährlich nahe an den tiefen Schluchten entlang.
Nach einer steilen Felstreppe erwartete uns ein verschlossenes Gatter, das Stadttor der Felsenstadt. Gabriel hatte natürlich einen Schlüssel.
Ein sandiger Pfad führte uns zwischen riesigen Tieren aus Fels hindurch, ein Krokodil, Schildkröten und ein bunter Fisch, dem sogar jemand Augen gegeben hatte. Über die Felsen kletterten wir in ein sumpfiges, grünes Tal, durch enge Felsschluchten mit steilen Treppen und durch höhlenartige Gänge. Bald erreichten wir ein kleines Plateau mit der nächsten wunderschönen Andenaussicht. Zeit für ein kurzes Picknick.
Auf dem Rückweg wartete noch mehr idyllischer Sumpf und im Sand zwischen den Felsen, die Bewohner der Stadt, ein paar Chinchillas, die uns genauso neugierig begutachteten, wie wir sie.
Die Landschaft in diesem Nationalpark ist einfach überwältigend, unwirklich und irgendwie urzeitlich. Wäre irgendwo ein Dinosaurier um die Ecke gekommen, es hätte uns kaum gewundert.
Später, zurück im Guidebüro gab uns Gabriel noch den Tip für das beste Abendessen. Na klar, im Markt, wo sonst? Wir hatten uns mittlerweile an die frühen Essenszeiten in diesem Land gewöhnt, aber in Torotoro wird spät gegessen. Um halb sieben war der Markt bis auf ein paar Bauarbeiter noch leer und wir konnten uns nicht an den Tellern der anderen orientieren. Jeder Stand serviert ein anderes Gericht und wozu soll man die anschreiben, wenn die Leute doch fragen können? Beim Silpancho Stand beendeten wir unsere Runde, Silpancho ist immer eine gute Wahl. Getränke gab es draußen.
Während wir auf unser Essen warteten, füllten sich die Tische mit der kompletten Dorfbevölkerung, auch die anderen Guides waren jetzt von den Touren zurück und die Jugendlichen hatten ihre Motorradrennen beendet.
Mein Silpancho musste ich mit einem Straßenhund teilen, der besonders geübt im Einsatz des “Guck ich hab ein verletztes Beinchen”-Tricks war.
Am Morgen gingen wir es gemütlicher an, genossen noch etwas die idyllische Unterkunft und ein super leckeres Frühstück und unternahmen einen Spaziergang durch das atmosphärische Dörfchen, bevor wir ins Collectivo stiegen.
Der Vermieter ließ uns abholen und so waren wir die ersten im Auto, das fährt, wenn es voll ist. Obwohl wir nur wenige Ausländer im Ort gesehen hatten, fuhren zwei mit uns zurück. Die übrigen Fahrgäste waren Einheimische, in traditioneller Kleidung, zu der hier noch ein breiter, bunter Sonnenhut gehört, und ein Baby im Bündel.
Kisten und Bündel ohne Baby wurden zusammen mit unseren Rucksäcken aufs Dach geschnallt, Kartoffelsäcke fanden irgendwie noch im Auto Platz. Alle reingequetscht? Los gehts. Die meisten Leute stiegen in nahegelegenen Dörfern aus, und andere ein. Wenn man hier mittendrin wohnt, ist es vermutlich garnicht so einfach, eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern, viele Leute passten nicht mehr rein und mussten auf das nächste oder übernächste Collectivo warten. An einem großen Markt wurde ein Großteil der Fahrgäste durchgetauscht und die Kartoffelsäcke entladen.