Cochabamba – Sahnetorten und Jesus
Da waren wir. Cochabamba, schon mal gehört, aber mehr auch nicht. Hätte uns die Busfahrt nach La Paz nicht um Tage in der Akklimatisierung zurückgeworfen, wäre unsere Reiseroute vermutlich anders verlaufen. Besser? Schlechter? Wer weiß? Jetzt wo wir dort waren, hätten wir das Städtchen jedenfalls ungern verpasst. Das lag nicht nur an den Sehenswürdigkeiten, sondern vor allem an der authentischen Atmosphäre der Studentenstadt.
Der kurze Flug von EL Alto bestand größtenteils aus Landung, einfach die Anden runter, über zerklüftete Täler und so abgelegene Bergdörfer, dass es wahrscheinlich Tage von dort bis zum nächsten Ort dauert.
In Cochabamba war es gleich wärmer, Palmen, Blumen und Parks erwarteten uns auf einer ähnlichen Höhe wie Sucre. Unsere erste Unterkunft lag in CalaCala, einem schicken Wohngebiet, mit Kolibris im Garten.
Am Abend warfen wir einen ersten Blick auf die Altstadt, wie immer schachbrettartig angelegt. Internationale Markengeschäfte säumen die Straßen, in denen es nur noch wenige alte Häuser gibt. Anstelle von klapprigen Stadtbussen fahren hier bunte alte Dodges.
Am Platz des 14. September stehen noch Kolonialvillen und die obligatorische Kathedrale. In vielen der alten Gebäude sind Bars und Cafés untergebracht und in den Innenhöfen wachsen uralte Bäume. Wir schlenderten durch eine Galerie und ließen den Tag dann in einem Cafe an der Kirche, bei einem Huari Bier mit Zitrone ausklingen. Das sollte unsere Stammkneipe werden.
Den nächsten Morgen starteten wir in den Wechselstuben hinter der Kathedrale. Unsere erste Schwarzmarkterfahrung hatten wir schon in Sucre gemacht. Manche Hotels, wie das in Uyuni, können nur in Dollar bezahlt werden. Vorsichtshalber hatten wir deshalb ein paar mitgenommen, brauchten das meiste aber doch nicht. In Sucre wurden wir den ersten Schein bei einem dubiosen Kiosk los und wunderten uns, dass wir scheinbar echtes Geld zu einem viel besseren Kurs als dem offiziellen bekamen.
Hier in Cochabamba liegt eine Wechselstube an der anderen und wir verglichen die Kurse. 1 zu 6,9 war angeschrieben und hier und da bekamen wir auch nur diesen, aber die meisten variierten zwischen 8 und 9,3. An manchen Tagen wurden wir dafür nur Hunderter los, an anderen sogar verknickte ein Dollar Scheine. Manche Leute tauschten auch einfach auf der Straße.
Eine Straße weiter werden die Wechselstuben von Notaren abgelöst, manche haben schicke Büros, andere sitzen mit Gartenstuhl und Schreibmaschine auf dem Bürgersteig.
Noch eine Straße weiter besuchten wir mal wieder eine Apotheke. So schön dieses Land auch ist, so anstrengend ist es auch für uns verwöhnte Europäer. Nie zuvor haben wir auf Reisen so viele Apotheken von Innen gesehen, Elektrolyte, Sorojchi Pillen gegen Höhenkrankheit,… Dieses Mal brauchten wir nur Labellos nach einer Woche Salz und Wüste und wie alles, kosteten die ein Vermögen.
Immer wieder fragten wir uns, wie sich die Einheimischen Medikamente leisten können. Traurigerweise wahrscheinlich oft garnicht. Allerdings bekamen wir nie eine ganze Packung, sondern nur zwei oder drei Pillen vom Blister abgeschnitten, das macht sie erschwinglicher.
In der Altstadt liegt auch das Archäologische Museum. Ein älterer Herr erklärte uns die Ausstellung. Angefangen bei Dinosaurier- und noch älteren Fossilien, entdeckten wir Vasen und Krüge, deren Muster starke Ähnlichkeit mit denen der Stadtbusse haben. In den trockenen Gegenden sind die bunten Farben über Jahrhunderte erhalten geblieben.
Im Museum gab es auch einige Mumien, die Menschen hier waren damals nicht größer als 1,20 Meter und wurden sitzend in kleinen Töpfen oder geflochtenen Säcken bestattet. Ihre Kleidungsstücke sahen aus wie die von Kindern, aber daneben gab es verhältnismäßig große Waffen. Klar, mit kleinen Bögen und Speeren kommt man nicht so weit.
Am eindrucksvollsten ist die Abteilung mit den seltsamen Schönheitsidealen. Langgezogene spitze oder runde Schädel waren beliebt. Dafür wurden die Babyköpfe zwischen zwei Bretter geklemmt oder mit Bändern zusammengebunden. Nebenan waren Schädel mit ähnlich befremdlichen, rituellen Gehirnoperationen ausgestellt.
Zeit zum Mittagessen. In einem dieser garagenartigen Läden wurde gerade ein Platz zwischen Familien und Büroangestellten für uns frei. Es gab Nudelsuppe und Silpancho, die regionale Spezialität. Ein Rinderschnitzel wird erst paniert und dann hauchdünn geklopft, bis sich Panade und Fleisch vermischen. Zusammen mit eingelegten Zwiebeln, roter Beete und einem Spiegelei wird das ganze auf einen Teller Beilagen geschichtet. Lecker.
Schon aus dem Flugzeug hatten wir den Stolz der Stadt gesehen, die knapp 40 Meter hohe Christusstatue, eine der größten der Welt. Wir nahmen ein Taxi zur Seilbahnstation. Die machte eher den Eindruck eines Lost Place. Der Weg zu den Gondeln führte über einen verwaisten Spielplatz, an einem halb verfallenen Autoscooter vorbei und wir glaubten erst, als wir die Tickets hatten, dass hier wirklich noch was fährt. Dabei ist die Seilbahn relativ neu, aber echte Pilger laufen scheinbar hoch. Jedenfalls sahen wir einige auf dem steilen Weg, an dem verschiedene Szenen der Kreuzigung dargestellt sind.
Oben waren wir überwältigt, von der Statue auf dem Berg, aber auch von der Aussicht auf die ganze Stadt und die umliegenden Berge. Wir mussten noch ein Stück zu Fuß, vorbei an riesigen Aloeveras, Kakteen und Palmen zurücklegen und liefen dabei auf die überdimensionale Statue zu, ein beeindruckender Anblick. Wir kamen kurz vor Sonnenuntergang oben an und die Stadt und der große See glitzerten im goldenen Licht. Egal in welche Richtung, die Aussicht war einfach herrlich.
Am Morgen hatten wir in der Nachbarschaft Hähnchen an der Straße brutzeln gesehen. Der Taxifahrer deutete unsere gierigen Blicke und versicherte uns, dass sie lecker seien. Am Abend fanden wir den Laden zum Glück wieder. In einem großen Ofen wurde das Fleisch erst über offenem Feuer gegrillt und dann geräuchert.
Eines zu bestellen war allerdings garnicht so einfach. Es gab eine große Karte mit halben und ganzen Hähnchen, aber die gehörte wohl mal zu einem anderen Laden. Wir versuchten drei Halbe zu ordern, aber die Grenze meiner Spanischkenntnisse war angesichts dieses Missverständnisses schnell erreicht.
Schließlich kam der Besitzer aus der Küche und schüttelte den Kopf, drei halbe Hähnchen, viel zu viel. Er malte uns ein Huhn auf einen Zettel und zog zwei Linien durch. Ein viertel Hähnchen für jeden und dazu alle Beilagen, Reis, Pommes, Kochbanane. Also einfach drei Portionen, fertig. Die Bananenstauden stapelten sich in der Küche Meter hoch. Das knusprig-rauchige Hühnchen war so lecker, wie es aussah, aber angesichts der Beilagenberge hätte eine Portion für drei gereicht. Man stelle sich vor, wir hätten jeder ein Halbes bekommen.
Für ein paar Tage verließen wir die Stadt, kamen aber nochmal zurück und in einer ganz anderen Gegend unter, am anderen Ende der Altstadt. Hier tat sich am Abend ein riesiger Nachtmarkt über alle Straßen auf und vor allem Studenten saßen überall auf den Bürgersteigen, in Hauseingängen und Fenstern und aßen Street Food. Wir hatten uns allerdings für eines dieser Garagenrestaurants entschieden und wie durch Zauberhand wurde auch dieses Mal wieder genau ein Tisch frei.
Aber erstmal zum Nachmittag, da hatten wir auch schon Hunger und waren jetzt lang genug im Land um wirklich alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord zu werfen, den Sahnetorten kann man auf Dauer einfach nicht widerstehen. Wir fanden ein gut von Einheimischen frequentiertes Café und stellten fest, dass die Torten so gut schmecken, wie sie aussehen. Nach einem Stück waren wir jedoch schon völlig vollgestopft. An einigen Nachbartischen spielten ältere beschwipste Damen Karten.
Danach wollten wir den Cancha-Markt besuchen, aber niemand wollte uns hinfahren, also gingen wir zu Fuß, obwohl wir uns vor lauter Torte kaum bewegen konnten. Der Markt fängt schleichend an, man kann garnicht so genau sagen wo, nur dass es irgendwo hinter der Straße mit den Bettengeschäften passiert. Laden an Laden hat hier die landesüblichen, viel zu kurzen Betten im Angebot. Manche davon waren zu Werbe- oder Pausenzwecken vom Verkaufspersonal belegt.
Auf die Bettenstraße folgt die Straße mit dem Geburtstagsbedaft und hier gibt es die ersten Straßenstände mit selbigen Produkten. Noch ein Stück weiter, geht es schon wieder um Sahnetorten. Auf kleinen Wägen werden sie durch die warmen Straßen geschoben und stückchenweise auf die Hand verkauft. Ohne Sahnetorte geht in Bolivien garnichts. Nach und nach fehlte auf dem Gehweg der Platz und wir mussten auf die Straße ausweichen. Nach ein paar hundert Metern machten sich auch dort Stände mit Obst und Haushaltswaren breit. Die Straßen wurden immer chaotischer, Autos und Busse steckten zwischen Fußgängern, Kartoffelsäcken und Zimmerpflanzen im Dauerstau, Wägen mit Streetfood wurden lautstark durch den Verkehr geschoben und wir wurden nach und nach Teil einer zähen Masse, die sich auf die riesigen Markthallen zubewegte. In deren Nähe herrschte ein undurchdringliches Gewusel, aus dem es scheinbar kein Entkommen gab. Kein Wunder, dass das kein Taxifahrer freiwillig mitmacht.
An den Hallen angekommen, war es fast unmöglich, einen Eingang zu finden, angesichts des Chaos an Ständen, Säcken und Kisten, die einfach auf den Straßen standen und Handwägen mit Snacks und Säften. Dazwischen hielten LKWs mit Obst und Gemüse. Alle schrien ihre Produkte durcheinander, CUCARACHA, CUCARACHA, verkaufte eine Frau, die uns mit ihrem Handwagen entgegenkam. Hä? Gibts die hier nicht überall umsonst? Der Wagen war natürlich voll mit den giftigsten Insektenvernichtern.
Als wir einen Eingang gefunden hatten, waren wir überrascht. Zwar waren die Hallen so vollgestopft, dass wir uns stellenweise kaum um die eigene Achse drehen konnten, aber hier drin herrschte eine bemerkenswerte Ruhe und Ordnung. Ein langer Gang für ein Produkt, Kunstblumen, Unterwäsche, Musikinstrumente und, na klar, Sahnetorten. Wenn man etwas Bestimmtes kaufen möchte, sollte man sich gut auskennen, die Hallen erstrecken sich über mehrere Kilometer.
Für den Rückweg wollten wir wirklich gern ein Taxi und versuchten es in Richtung der nächsten breiten Straße. Langsam wurden die Stände wieder weniger, aber die Zufahrtsstraße zum Markt war natürlich auch völlig chaotisch. Wir irrten etwas durch den dreispurigen Verkehr, bis sich jemand bereit erklärte, uns zum Hotel zu fahren. Die Nachfrage hier ist hoch, da bestimmt der Taxifahrer wo er hin will und wenn man Glück hat, kann man mit.
Am Abend schlenderten wir noch etwas über den Nachtmarkt. Überall werden die regionalen Mais-Käse Röllchen auf winzigen, fahrbaren Grills angeboten. Lecker, aber für einen Nachtisch erwiesen sie sich für zu üppig.
Am Abend hat Cochabamba wahrscheinlich den beliebtesten zentralen Platz des Landes. Heute tanzte ein Michael Jackson Double mit aufwendiger Beleuchtung und eine Tanzgruppe versuchte uns für ihr Video anzulocken. Der Platz ist immer bunt, laut und voll mit fröhlichen Menschen.
In unserer Bar neben der Kirche kannte uns nach drei Tagen die Bedienung noch und brachte uns unser Huari mit Zitrone.