La Paz und El Alto – Hexenequipment, Koka und gefährliche Frauen in bunten Röcken

La Paz und El Alto – Hexenequipment, Koka und gefährliche Frauen in bunten Röcken

“In God we trust” stand auf dem Bus von Uyuni nach La Paz. Tja. Wir hofften trotzdem auf den Busfahrer. Die Nacht war furchtbar. Anfangs kalt, aber dafür fanden wir dicke, wenn auch etwas muffige Decken in der Gepäckablage. Warum die so muffig waren, erfuhren wir später. Offenbar gab es nämlich keine richtige Lüftung und aus der kalten Nacht wurde eine heiße Sauna ohne Sauerstoff. Im Halbschlaf schaffte ich es nur nach und nach, mich wieder aus all den Kleidungsstücken zu schälen, die ich in der frostigen Wüste hastig angezogen hatte. Kondenswasser tropfte von der Decke, lief an den Scheiben runter und stand in Pfützen auf dem Boden. 

Für die Nacht hatten wir nur jeweils einen halben Liter Wasser dabei, was soll man im Schlaf schon trinken. Höhenkrankheit, das war jetzt keine Frage mehr ob, sondern nur wen es als nächstes erwischt und wann. Ich schaffte noch einen Tag, den nächsten verbrachte ich verwirrt im Bett.

La Paz erreichten wir in der Morgendämmerung. An den Berghängen glitten die Gondeln der Seilbahnen über die endlosen Häuserzeilen und das einzige Geräusch kam von den Ticketverkäufer im Busbahnhof, die in monotonem Rhythmus ihre Reiseziele ausriefen. 

Draußen ließen wir uns von einem Herrn mit Klemmbrett und Warnweste einfach ein Taxi zuteilen und stiegen ohne Preisvergleich ein. Vorbei an riesigen, alten Villen ließen wir uns durch die Prunkstraße nach Sopocachi fahren. La Paz ist neben Sucre die zweite Hauptstadt Boliviens und schon auf den ersten Blick total schön, aber wir mussten erstmal den Schlaf der Nacht nachholen und sahen uns das ganze aus der Wohnung von oben an. 

Wahnsinn, endlos erstrecken sich Häuser durch die umliegenden Täler und die Berge hinauf. Wo La Paz aufhört und El Alto, die nächste Großstadt, anfängt, kann man nicht sagen, vielleicht am oberen Ende der steilen Klippen. Darüber schweben lautlos die Gondeln der Teleferico in alle Richtungen. In der Ferne ein riesiger, schneebedeckter Vulkan, auf der anderen Seite die zerbröselten Felsen vom Valle de la Luna. Nachts, wenn nur die Lichter der Häuser zu sehen sind, tun sich riesige schwarze Löcher auf, überall dort wo steile, nicht bebaubare Abhänge liegen. Für manche Häuser gab es nicht genug Platz, sie ragen abenteuerlich auf Stelzen über den Abgrund und an der Baustelle gegenüber gilt scheinbar ein ähnliches Motto, wie bei der Busgesellschaft. Wir konnten garnicht hingucken.

Sopocachi ist eines der wenigen Viertel mit Hochhäusern, aber nicht nur, hinter der Hauptstraße reihen sich hübsche Kolonialvillen und Graffitis schmücken die neueren Häuser. Ebene Straßen sucht man in dieser Stadt vergebens.

Vor unserem Haus liegt ein schmaler Park mit Cafés und überall gibt es kleine Straßenstände mit selbstgemachten Snacks und Getränken. Die Verschläge, sind einfach an den Hauswänden befestigt und werden abends und am Sonntag zugeklappt. Sonntags ist es dann schwieriger Wasser zu kaufen, aber es gibt den Hypermaxi, ein überdimensionaler Supermarkt, in dem es einfach alles gibt. Davor liegt meistens noch ein Foodcourt mit Empanadaständen und klebrigen riesigen Getränken. In La Paz, wie auch schon in Sucre ist der Supermarkt ein beliebter Sonntagsausflug für Familien und plötzlich findet man sich beim Wasser kaufen in einer Art Volksfest.

Nachdem wir uns etwas von der Busfahrt erholt hatten, machten wir uns auf den Weg in die Altstadt. Wiedermal waren wir nicht sicher, ob es das klapprige Taxi durch die von Touristen verstopften, steilen Gassen schaffen würde. Zwischen Souvenirshops, bunten Schirmen und der obligatorischen UV Strahlung aus der Hölle stiegen wir aus. Ein mysteriöser, schummriger Innenhof war unser Ziel. Mehrere Häuser sind an den steilen Hängen in- und übereinander gebaut, zwischen Bars und esoterischen Geschäften liegt das Museo de Coca. 

Am Eingang wurden wir gefragt, ob wir vom dem guten Kraut probieren wollten. Bisher tranken wir nur Kokatee, der uns ein bisschen mit der Höhe half, und hangelten uns von Tasse zu Tasse. Hier gab es Bonbons, nicht die hellgrünen aus den Souvenirshops, sondern fast schwarze, hochdosierte Bröckchen. Gleich wurde uns die Zunge taub, wir bewegten uns fast wieder in normaler Geschwindigkeit und waren leicht fröhlich. Schön, wir deckten uns ein und Christian und Stefan holten am nächsten Tag sogar nochmal Nachschub, der für den Rest des Urlaubs reichte. So kamen wir fortan doch noch ganz gut durch die Anden ohne ständig ein Knäul zermatschter Blätter im Mund zu haben.

Im Museum erfuhren wir viel über die Andenbevölkerung, von deren Kulturen Koka ein fester Bestandteil ist. Zahlungsmittel, Schmerzmittel, keine Hochzeit ohne Koka. Geheiratet wird in der indigenen Bevölkerung traditionell erst nach einer längeren Probezeit und dem ersten Kind. Auf Feiern erfüllt Koka einen ähnlichen Zweck wie Alkohol bei uns, nur in weniger giftig. Für die Minenarbeiter ist die Pflanze seit jeher unverzichtbar. Solche Arbeiten kann man auf dieser Höhe nicht ohne verrichten. Kein Wunder, dass es zu Protesten und sogar Kriegen kam, wo Koka wegen der Kokainproduktion verboten wurde. In Bolivien ist es weiterhin legal, weil in diesen Höhenlagen vor Allem für körperliche Arbeit und Reisen unverzichtbar. An allen Busbahnhöfen, Raststätten und Ortsausgängen prägen die Kokastände das Bild und wir begegneten niemals einem Taxi-, Bus-, oder Colectivofahrer, der eine längere Strecke ohne eine große Tüte Blätter zurückgelegt hätte. 

Mit den Bonbons machten uns die steilen Straßen weniger aus und wir bummelten durch die bunte Altstadt zum Hexenmarkt. Jeder Straßenabschnitt ist hier anders dekoriert, Schirme, Bommeln, Musikinstrumente und überall zweigen diese verworrenen Innenhöfe ab.

Bald erreichten wir die eigentümlichen Geschäfte der Brujas. Hauptsächlich kann man hier Opfergaben an Pachamama kaufen, die von den Verkäuferinnen kompetent zusammengestellt werden. Kleine Wachsplatten zeigen an worum es geht, Geld, ein Auto, ein hübscher Ehemann. Zu den Platten kommen bunte Schnipsel, Kräuter und Alkohol. Das ganze wird dann auf einem extra dafür vorgesehenen Grill verbrannt und auch die zugehörigen Holzbündel kann man gleich mit kaufen. 

Für Fortgeschrittene gibt es seltsame Figürchen und für Touristen kleine Opfermischungen im koffertauglichen Fläschchen.  

Skurrile Potenzmittel und Fruchtbarkeitshelfer dürfen in diesem Sortiment natürlich nicht fehlen, dafür baumeln unzählige Lamaföten von den Decken und Türrahmen der Läden, Totgeburten, mit Fell oder ohne, dazu getrocknete Kröten.  

Nahtlos mischt sich hier die indigene Kultur mit dem katholischen Glauben, Altarkerzen erweitern das Sortiment und wem das zu seriös ist, der kommt vielleicht mit Tarotkarten weiter. Oder doch lieber ein Buddha oder eine heilige Kuh? Manche Produkte sind aber auch zu skurril, um sie irgendeiner Strömung zuzuordnen. 

Das Vale de la Luna hatten wir jetzt immer wieder vom Fenster aus betrachtet, nun wollten wir es aus der Nähe sehen. Mit dem Weg dort hin legten wir an diesem Tag knapp 1000 Höhenmeter zurück. Der tiefste Punkt von La Paz liegt auf nur 3100 Metern, endlich mal durchatmen. Leider handelt es sich um ein langweiliges Büroviertel. Dann ging es durch abenteuerliche Felstunnel mit spektakulären Aussichten wieder nach oben. Im Vale standen wir vor verschlossenen Türen, Erdrutsch. Aber auch von außen waren die zerfransten Säulen sehenswert und die Landschaft ringsherum sowieso.

Vom Taxi stiegen wir jetzt auf die Seilbahnen um und ließen uns nur noch das Stück zu den Stationen fahren. Am Nachmittag ging es mit der Lila Linie nach El Alto auf über 4000 Metern. Die Lila Line ist die spektakulärste, dicht über den endlosen Häusern geht es steil den Berg hinauf. Wir schwebten über Kirchen, bunte Straßen, abenteuerlich über den Abgrund gebaute Häuser und steile Treppen, die auch die Einheimischen nur im Schneckentempo bezwingen können. Die Stadt erstreckt sich in alle Richtungen in die Ferne, eingerahmt von beeindruckenden Bergen. Oben mussten wir umsteigen und überquerten dann den kilometerweiten Flohmarkt, der sich am Sonntag über die gesamte Kante der Stadt erstreckt, der größte Flohmarkt der Welt.         

An solchen Orten landen also die Kleiderspenden, sogar Unterwäsche und Schuhe, von denen immer nur einer ausgestellt und der zweite unter hunderten in großen Säcken gesucht werden musste. Es gibt verschiedene Abteilungen auf dem Markt, die immer durch eine Reihe Essensstände voneinander getrennt sind. Spielzeug und Tierbedarf, wahrscheinlich gestohlene, halb verrostete Autoteile, komplette LKWs und Busse, weiter kamen wir nicht. Die übermäßige Aufmerksamkeit, die wir unseren Besitztümern widmen mussten, war zu anstrengend und so interessant es hier auch war, Armut gaffen wollten wir eigentlich nicht.     

Aber hier oben gab es noch mehr zu sehen. In einer finsteren Ecke von El Alto liegt die große, etwas schäbige Wrestlinghalle der Cholitas, die Veranstaltung war schon von weitem zu hören. Die Stimmung kochte, während sich die Frauen in bunten Röcken die beeindruckendsten Kämpfe lieferten. Die langen Zöpfe flogen wild durch die Gegend und am Ende kam noch eine Bestie mit Mülltonne und sorgte dafür, dass der Kampf in der ganzen Halle stattfand. Eine wahnsinns Show. Einige Einheimische beobachteten das Spektakel von den Tribünen aus, aber hauptsächlich sahen Touristen zu, die in Reisebussen angekarrt wurden. 

Die Busse waren nach der Veranstaltung schnell wieder weg, aber auf ein Taxi mussten wir eine Weile warten. So ganz wohl fühlten wir uns im Dunkeln in El Alto nicht, aber am Ende wollte uns auch hier niemand was. 

Zurück in Sopocachi stellten wir uns an einem der winzigen Essensstände an. In dem kleinen Verschlag hatte der Verkäufer gerade so Platz für eine viertel Umdrehung. Um ihn herum brutzeln Burger und Fritöse und er hatte sogar mehrere Gerichte im Angebot, auf weniger als einem Quadratmeter.

Während mich die Höhenkrankheit zwischendurch voll erwischte, hatte langsam niemand mehr Lust auf 4000 Meter, denn der Tag zwischen spät und trotzdem müde aufstehen, langem Mittagsschläfchen und früh schlafen gehen war kurz und trotz Koka anstrengend. La Paz war toll, dennoch verabschiedeten uns von allen weiteren Vorhaben hier oben und buchten einen Flug nach Cochabamba. Aber wo baut man in so einer bergigen Stadt wie La Paz den Flughafen? Klar, ganz nach oben. El Alto ist der höchstgelegene internationale Flughafen der Welt und liegt mitten im Wohngebiet. Nachdem wir die ersten zehn Meter mit Gepäck zurückgelegt hatten, steuerten wir die erste Bank an. Pause. Zum Schalter schleiften wir die Rucksäcke nur noch auf dem Boden hinter uns her. 

Wie auch schon in Santa Cruz und Sucre, gammeln hier die Flugzeuge einer insolventen Fluggesellschaft in hohem Gras vor sich hin. Während wir warteten, bauten wir ab, hoffentlich gibt es keine Verspätung. Nein, aber der Start dauerte lange. Wegen der dünnen Luft brauchte das Flugzeug eine Ewigkeit zum Abheben. Langsam stieg der Luftdruck in der Kabine und wir wurden wieder normalschlau und -schnell. Aus dem Flugzeug sahen wir das ganze Ausmaß von El Alto, flach und endlos.   

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