Santa Cruz de la Sierra – auf den zweiten Blick

Santa Cruz de la Sierra – auf den zweiten Blick

Santa Cruz, die größte Stadt des Landes und für uns die einzig erreichbare, ist weit weg von allem. So blieben wir nur kurz und doch vollgestopft mit neuen Eindrücken. La Sierra, die weite, grüne und dünn besiedelte Ebene konnten wir schon aus dem Flugzeug sehen. Kaum hatten wir den Flughafen verlassen, fanden wir uns zwischen endlos weiten Wiesen und großen wilden Nandus, die durchs hohe Gras stolzierten. 

Bald erreichten wir die breite, staubige Einfallstraße. Vor den ärmlichen Häusern stehen Wahlplakate für den Bürgermeister, dubiose Herren mit alten deutschen Namen und gierigem Blick versprechen, Santa Cruz wird das Dubai Südamerikas. 

Wir verbrachten unsere Zeit in der Altstadt. Wie fast alles hier war unser Hotel alt und vieles kaputt, aber sauber und im Vergleich komfortabel, denn das Dach war dicht und es gab warmes Wasser. Wir brauchten ein paar Stunden um mit der Stadt warm zu werden. Ist es hier sicher? Ja. Sicher? Rational wussten wir, dass unser Eindruck falsch ist. So eine koloniale Altstadt zu erhalten ist nun mal wahnsinnig teuer aber auf den ersten Blick fühlte sich Santa Cruz an, wie das ärmste, was wir je gesehen haben. 

Hier und da, wo schon ein Haus eingestürzt ist, stehen neue Gebäude, billige Betonbauten, manche davon auch schon so verfallen wie die alten Häuser. Aber zum größten Teil ist noch das koloniale Stadtbild erhalten. Aufmerksam liefen wir durch die Gassen. Blick nach unten, um nicht in einem offenen Gully zu verschwinden, Blick nach oben, oh oh. Die schönen Laubengänge vor den Häusern sind oft völlig marode und teilweise eingebrochen. Immer wieder wechselten wir die Straßenseite, weil uns ein Vordach zu gruselig war. 

Die meisten Autos in den gepflasterten Gassen stammen noch aus dem letzten Jahrhundert. Nicht wenige sind mit andersfarbigen Motorhauben und Türen geflickt, völlig verbeult oder verrostet, die Stoßstange fehlt oft ganz. Dazu kommt bei vielen ein wenig vertrauenserweckender Gastank im Kofferraum. An einer Ecke blieb ein Auto liegen und sofort kamen routinierte Passanten zum anschieben. 

Von einem Obstlaster wurden in hektisch-atemlosem Singsang Zitrusfrüchte und riesige Avocados angepriesen, auf der Ladefläche stopfte sich eine Frau mit beidem voll. Der Laster verfolgte uns brüllend durch die ganze Stadt. 

Wir hatten Hunger. Was isst man in Bolivien? Salteñas, das können Empanadas sein, oder andere Kleinigkeiten. Wir fanden einen winzig kleinen Stand, mit einem funktionalen, voll besetzten Raum dahinter. Hier muss das Essen gut sein. Der Laden war wirklich voll. Aber es gab noch einen Raum, bei dem nicht klar war, ob er zur Wohnung der Familie gehörte oder noch für Gäste da war. Der Opa winkte uns jedenfalls rein und unsere Salteñaauswahl fand auch den Weg zu uns. Wir hatten uns Reis und Käse im Bananenblatt ausgesucht, verschiedene kleine Aufläufe aus Kartoffelbrei und Hähnchen und Käseempanadas, lecker. Der Laden war so gut besucht, dass wir uns gleich an einen frisch gepressten Papayasaft trauten. Noch keinen halben Tag im Land und schon alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord geworfen.   

Nach dem Essen hatten wir ein anderes Auge für die Stadt, entdeckten die riesigen bunten Cafés mit Wasserfällen, Spielplätzen und riesigen Cocktailkarten und die neu sanierten, weiß gestrichenen Gebäude. Die meisten davon gibt es rund um den Platz des 24. September. Überrascht traten wir in die grüne Oase, wie ein winziger Dschungel mitten in der Stadt. Schuhputzer saßen vor ihren erhöhten Holzstühlen und von kleinen Wägelchen wurden klebrige Nachtische verkauft, und Futter für die zahllosen Tauben. Es waren tausende und die Futterbeutel erfreuen sich vor allem bei den Kindern großer Beliebtheit. Stellenweise war der komplette Boden mit Tauben bedeckt. 

Wir durchquerten das Getümmel und standen vor der Fassade der Kathedrale, wo gerade jemand versuchte, den Regen von heute Mittag mit einem Besen zu beseitigen. Gerade zur richtigen Zeit. Kaum waren wir drin, hörten wir draußen Böller und laute unverständliche Rufe, das sind also diese Versammlungen, von denen man sich fernhalten soll. Wir beobachteten die Demo vorsichtig aus dem vergitterten Kirchgarten. Polizei war nicht in Sicht und die Demonstranten machten einen friedlichen Eindruck, aber unserem Urteilsvermögen trauten wir besser nicht und wir wollten ja sowieso noch die Kirche besichtigen. 

Drin erwarteten uns wunderschöne, in hellem und dunklem Holz vertäfelte Decken, aus der Zeit der Missionare. Wir setzten uns und genossen die entschleunigte Atmosphäre. Da meldete sich der Langstreckenflug, Zeit fürs Bett. Aber die Demo,… hier drin ist es sicher. Und es war auch erst später Nachmittag, …die Jetlagfalle. Vorsichtig wagten wir uns nach draußen, zählten die Querstraßen auf der schachbrettartigen Karte ab und lauschten an jeder Kreuzung, um uns so weit wie möglich fernzuhalten. 

Um den Jetlag zu umgehen, entschieden wir uns für einen Drink im Innenhof, zwischen Dattelpalmen und Limettenbäumen, und machten dafür im nächsten Supermarkt Halt. Neben Bier fanden wir dort einen großen Kühlschrank mit fertig gemixtem Cuba Libre in allen denkbaren Flaschengrößen zwischen 2 Liter und 200ml. 

Santa Cruz hat überraschend viele Museen. Bisher hat uns in Lateinamerika keines überzeugt, aber wir hatten noch viel Zeit bis zum Flug am Nachmittag und wer weiß, vielleicht kann Bolivien mehr. Ja, es kann! 

Das Museum für zeitgenössische Kunst war schon früh offen und wir waren die ersten Besucher. In einem der sanierten Häuser betraten wir den schattigen Innenhof, in dem verschiedene Galerien mit Wechselausstellungen abzweigen. Hier gab es sehenswerte Skulpturen und Gemälde bolivianischer- und darunter sogar einiger indigener Künstler. Das Gebäude spendete eine extra schöne Atmosphäre. 

Im zweiten Hof liegt ein leicht verwilderter Garten mit teils eingewachsenen Skulpturen und Graffitis zwischen Palmen und Bromelien. Hörnchen und Katzen schlichen über die Mauern. Ein surrealer und idyllischer Ort.

Auf dem Weg ins nächste Museum kamen wir an einer kleinen Markthalle vorbei, schade dass wir so satt von Frühstück waren. Dennoch schlenderten wir kurz durch. Mittlerweile waren wir angekommen und fühlten uns nun doch wohl in dieser Stadt. Jetzt hatten wir auch Augen für die schönen Details, wie Graffitis und Blumen an den verfallenen Häusern.  

Das Museum Pinto ist einem Tropenmediziner gewidmet, dessen Praxis hier auch ausgestellt ist. Im hinteren Teil fanden wir weitere Galerien mit tollen Kunstwerken. Auch dieses Gebäude hat zwei Höfe, beide total idyllisch, einer davon mit gemütlichem Café. Jetzt war doch langsam Zeit für ein zweites Frühstück und einen kalten Kaffee, bevor wir uns auf den Weg zum Flughafen machten 

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