Sokcho – nordkoreanische Küche, der schönste Tempel und der größte Buddha
Im Osten des Landes wird es ländlicher, wir fuhren mit dem Bus nach Sokcho, ans Meer. Kurz vor der Stadt liegt der Seoraksan Nationalpark, auf den wir schon von der Autobahn aus einen kleinen Vorgeschmack bekamen. Zerklüftete Berge, wilde Flüsse und Wasserfälle prägen hier die Landschaft. Als wir am Busbahnhof ankamen, regnete es in Strömen, da war natürlich kein freies Taxi in Sicht, also nahmen wir den Stadtbus. Unser Zimmer liegt etwas außerhalb, in Sokcho Beach, mit Meerblick. Ja, wir spekulierten auf einen Strandtag, aber Korea hat da ganz seltsame Regeln. Baden ist eigentlich nur im Sommer erlaubt, aber in ländlichen Gegenden interessiert das wohl niemanden. Ob Sokcho dafür ländlich genug ist? Wir werden sehen.
Erstmal hatten wir Hunger und in Sokcho gibt es nordkoreanische Küche. Die Grenze ist nicht weit und so hatte es nach dem Krieg viele Nordkoreaner in die Stadt verschlagen. Aber sie blieben lieber unter sich und besiedelten eine kleine Halbinsel, Abai Island.
Der Regen hatte nachgelassen, aber ein Taxi war immernoch nicht in Sicht, also gingen wir die halbe Stunde zu Fuß am Meer entlang. Der Strand ist in dieser Richtung zu Ende. Der Weg führte durch ein Wohngebiet, an einem Damm entlang, auf dem es ab und zu eine Aussichtsplattform auf eine kleine vorgelagerte Insel mit Leuchtturm gibt. Dann kam eine sehr sehr lange, hohe Brücke, die Abai Island überquert. Von der hatten wir eine herrliche Aussicht auf den See und die Hochhäuser dahinter, bis uns eine Treppe nach unten führte.
Abai Island ist eine eigene kleine Welt. Unter der Brücke gibt es eine Ausstellung zur Ankunft der Bewohner und deren Kultur. Richtung Meer reihen sich kleine Häuser und enge Gassen aneinander, dahinter liegt ein breiter Sandstrand. In mindestens jedem dritten Haus ist ein Restaurant und überall dampft und blubbert es, denn eine Spezialität sind gekochte Krabben. Wir wollten möglichst viele Spezialitäten probieren und fanden ein Restaurant, das eine Platte mit allem anbot: gefüllter, panierter Tintenfisch, spezielle Blutwurst, anders gewürzt als im Rest des Landes und kalter, scharf eingelegter Fisch. Auch hier durfte eine Schere nicht fehlen und wieder wurde der restliche Platz auf dem Tisch mit Dingen gefüllt, die wir nicht bestellt hatten, eine große Fischsuppe mit Ginseng, Beilagen, Soßen und Dips. Das Essen schmeckte tatsächlich unerwartet anders, einige Gewürze waren uns ganz unbekannt. Der Weg auf dieses Inselchen hatte sich gelohnt.
Es war noch früh am Abend und wir nahmen einen anderen Rückweg, der uns direkt zum nächsten Snack führte. Langsam fingen wir an, die Kultur des “sich durch den Tag snacken” in diesem Land zu verstehen.
Unter dieser sehr langen Brücke fährt eine lustige Fähre in die Innenstadt. Lange Stahlseile sind übers Wasser gespannt und verlaufen über den Boden des Bootes. Der Fährmann hing daran einen Haken ein, lief nach vorn und zog uns so über die Bucht. Es gab noch ein paar Extra Haken für Fahrgäste, so ging es schneller.
Vom Ufer ließen wir uns ins Stadtzentrum, zum Fischmarkt treiben, Mark ist dafür ganz schön untertrieben, die Straßen mit den Ständen nehmen einen Großteil des Stadtzentrums ein. Mittendrin liegt eine mehrstöckige Markthalle mit Restaurants und Snackständen. Sokcho ist bei Koreanern ein beliebtes Ausflugsziel und so war hier am Samstagabend natürlich die Hölle los. Zwischen getrocknetem Fisch und frittiertem Hähnchen gab es Stände mit endlos langen Schlangen und Ufograbber mit Süßigkeiten, um die Kinder bei Laune zu halten. Wir holten uns an einer mittellangen Schlange ein Eis mit Honig und fanden hundert Dinge, die wir gern noch essen würden, wenn noch was rein passen würde.
In dem ganzen Gewusel hatten wir völlig die Orientierung verloren und wurden von der koreanischen App Naver durch unbeleuchtete verwinkelte Gassen zum Bus geschickt. Wenn man hier nicht in einem offenen Gully verschwindet, oder sich in der völligen Finsternis tödlich den Kopf stößt, der kürzeste Weg.
Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zum Seoraksan Nationalpark, das Taxi hatten wir in dieser Stadt aufgegeben und nahmen gleich den Bus. Ein kurzes Stück fuhren wir noch an der Küste entlang, dann ging es durch kleine Dörfer und an sprudelnden Flüssen entlang ins Gebirge. Der Bus ließ uns an einer obligatorischen Fress- und Souvinirmeile zwischen tausenden koreanischen Touristen raus. Sonntag, was haben wir uns dabei gedacht? Nach wenigen Minuten erreichten wir ein riesiges Tempeltor, ab hier verliefen sich die Massen im Gelände. Um uns herum erhoben sich die schönsten Gipfel, dekoriert mit dichten Pinienwäldern. Auf einen davon wollten wir mit der Seilbahn fahren. Der nächste freie Slot war in frühestens einer Stunde. Also entdecken wir vorher noch den vielleicht schönsten Tempel des Landes. Hinter der Seilbahn saß aber erstmal der riesigste Buddha, den wir je gesehen haben, mitten im Tal, zwischen überdimensionierten Steinlaternen, absolut eindrucksvoll. Einzelne Leute kamen zum Beten und zündeten Räucherstäbchen an.
Daneben wurde gerade ein neuer Tempel gebaut, für den man Ziegel kaufen und sich auf diesen verewigen konnte. Weiter oben führen Stein und Holzbrücken über einen verwilderten Fluss, in dem einige Leute badeten. Auch hier war das Bergpanorama in alle Richtungen überwältigend. Auf der anderen Flussseite sahen wir ein altes, eigentlich völlig unscheinbares Tempeltor. Als wir näher kamen, hörten wir monotone Mönchsgesänge und wurden neugierig.
Hinter dem Tor erwartete uns ein Glockenturm vor dieser traumhaften Bergkulisse und ein Tempelgebäude, unter dem ein Weg hindurch in den Innenhof des Sinheungsa Tempels führte. Wegen der Hanglage sah es aus, als müsse man auf allen Vieren unter dem Gebäude durch. Die Aussicht im Hof war atemberaubend, alte, bunte Tempelgebäude mit geschnitzten Türen, vor schroffen Gipfeln. Der Mönchsgesang zauberte dazu eine wahnsinns Atmosphäre. Wir staunten über bunte Verzierungen, Figuren und Laternen und konnten uns kaum losreißen, als unsere Seilbahnzeit näher rückte.
Die Seilbahn hat nur zwei Gondeln, daher die korrekte Zeit. Während der Fahrt wussten wir garnicht, wohin wir schauen sollten, auf die scharfkantigen Felsscheiben um den Gipfel oder die immer weiter werdende Aussicht im Tal. Ein wilder Fluss schlängelte sich unter uns durch die Berge und nach und nach schob sich die Stadt und die Küste ins Bild. Was für eine Aussicht!
Oben angekommen fühlten wir uns wie in einem chinesischen Gemälde, einzelne Pinien, vom Wind in markante Formen gebracht, wachsen auf kargem Fels. Dann hörten wir wieder Mönchsgesang und folgten ihm auf einem schmalen Pfad nach unten in die Berge, wo wir bald einen winzigen, von Pinien eingerahmten Tempel auf einem kleinen Plateau fanden.
Auf dem Rückweg kreuzten zwei Streifenhörnchen unseren Weg. Jetzt ging es noch weiter nach oben, über Plankenwege und Holztreppen folgten wir dem Strom der Wochenendtouristen auf den Gipfel. Wir kamen nur langsam voran, weil wir alle paar Schritte stehen blieben und über die Aussicht staunten. Zu den Pinien und Felsen gesellen sich jetzt noch Wasserfälle in der Ferne. Knapp unter dem Gipfel gibt es ein großes Plateau an einer Schlucht. Hier schieben sich wieder diese scharfkantigen Felsscheiben voreinander. Wir setzten uns an die Schlucht, genossen die Aussicht und beobachteten das Treiben. Die meisten Koreaner packten hier ihr Picknick aus.
Auf der Fahrt nach unten sahen wir den riesigen Buddha. Von oben zwischen den Gebäuden wirkt er noch größer.
Nach der anstrengenden Wanderung bei dieser Hitze hatten wir Lust auf einen kalten Tee. Am Fluss entlang spazierten wir zu einem Café zwischen den vielen Brücken und Badestellen und setzten uns auf die schattige Terrasse am Wasser. Heute entschieden wir uns für Grapefruit.