Seoul – Märkte und Paläste
Schon der Taxifahrer vom Flughafen lobte die Wahl unserer Unterkunft, in Jogno in der Mochi-Straße. Perfekt, mittendrin zwischen Bukchon, Insadong und Ikseon. Wir verließen diese Base selten weiter als zwei bis drei U-Bahnstationen.
Dabei würde sich das lohnen, denn zwischen Incheon und Seoul fuhren wir über Brücke an Brücke durch eine grüne Inselwelt im Wattenmeer. Und auch der Süden der Stadt sah interessant aus. Wahrscheinlich könnte man den dreiwöchigen Urlaub auch komplett im Großraum Seoul verbringen.
Seoul hat ein Problem mit Hotels, es gibt sie nur in der Kombination sehr teuer und schlecht oder normalpreisig und sehr sehr schlecht. Darum hatten wir uns für ein kleines Airbnb Zimmer entschieden, das eigentlich nur aus Bett und Kühlschrank bestand. Am nächsten Morgen fanden wir heraus, dass man ein Bild aufklappen und als Tisch benutzen konnte, damit wurde es sogar richtig gemütlich.
Erstmal galt es, den Kampf gegen den Jetlag anzutreten. Leider hatten wir die Flugzeit nicht optimal gewählt und kamen mitten am Nachmittag an. Uuuund verloren. Wenigstens schafften wir es, uns zum Abendessen nochmal aufzuraffen. Zur U-Bahn führt eine schmale, rustikale Gasse mit Restaurants. Verlockend, aber es zog uns doch auf einen Nachtmarkt um nach dem langen Flug noch etwas rumzulaufen.
Auf der Treppe zur U-Bahn kann man schon hören, welche Bahn gleich kommt, Tröten für die eine Richtung, ein Volkslied für die andere. Kein unnötiges Rennen. Mit Ticket ausgestattet waren wir auch schon, denn am Flughafen hatten wir uns die T-Money Card gekauft. Sie funktioniert für jeden Nahverkehr im ganzen Land. Nie wieder gucken, wie man einen Bus bezahlt, was der kostet, braucht man passendes Geld,… Ein Traum.
Wir fuhren zum Gwangjang Markt, den wir uns irgendwie übersichtlicher vorgestellt hatten. Der Markt erstreckt sich über mehrere Straßen und war schon dunkel. In der Hoffnung doch noch was leckeres zu finden, liefen wir durch das Labyrinth von Klamotten- und Krimskramsständen. Kein Essen in Sicht. Ein paar dunkle Straßen weiter fanden wir schließlich den Eingang zur Markthalle, auch dunkel, aber einzelne Läden waren noch geöffnet und weit hinten drin waren bunte, grelle Lichter zu sehen. Auf halbem Weg an der ersten Kreuzung, aßen die Standbetreiber an eigenen kleinen Ständen im Halbdunkeln. Dort gab es große Blutwürste, Suppen, Barbeque und gebratene Fische.
Aber dann, an der nächsten Kreuzung trafen wir auf einen riesigen Trubel. Ringsherum dunkle verlassene Gassen und mittendrin Das. Überall brodelte und brutzelte es, Essensstände in alle Richtungen, mit allen möglichen Leckereien. Einige machten schon zu und schrubbten ihre Küchen, andere machten erst auf. So läuft das also. Auf dem Markt ist immer was geöffnet, aber nie alles gleichzeitig.
Sehr hungrig, aber vom Flug noch immer verpeilt, mussten wir uns erstmal zurechtfinden. Was gibts, wie isst man hier und wo? Zum Glück hat hier alles seine Ordnung. Über den Ständen hängen einheitliche Preistafeln. Manchmal zahlt man pro Gericht, manchmal kann man sich einfach hinsetzen und zum Pauschalpreis vollstopfen. Alle Stände haben Sitzplätze, kleine, dichtstehende Höckerchen, die man auf den ersten Blick gar nicht wahrnimmt.
Das hätten wir geklärt, aber was wollen wir essen? Eintöpfe, Pfannkuchen, Suppen, was gegrilltes oder frittiertes? Und was ist mit dem Nachtisch? Völlige Überforderung und dann die Rettung, Netflix.
Als wir vor dem Stand mit Plakaten aus einer Doku stehen blieben, wurde uns sofort ein Sitzplatz angeboten. Also gab es heute Suppe aus Blechschüsseln mit handgezogenen Nudeln und handgemachten Mandu, in sehr sehr lecker. Aus einem Eimer konnten wir uns noch Kimchi dazu nehmen und Wasser aus einer großen Plastikflasche. Statt Servietten hing eine Klorolle am Stand.
Zum Nachtisch entschieden wir uns für Hotteok, kleine frittierte Pfannkuchen und dann waren wir leider auch schon satt.
Korea hat scheinbar ähnlich wie Japan ein Problem mit Mülleimern. Wir beobachteten, wie die Einheimischen ihre Verpackungen zurück zum Stand brachten und den Verkäufern überreichten. Aha, Problem gelöst, auch wenn es sich komisch anfühlt jemandem Müll in die Hand zu drücken, der gerade Essen zubereitet.
Auf dem Rückweg nahmen wir den falschen U-Bahn Ausgang und entdeckten das kleine Hanok Village von Ikseon, dessen Labyrint aus kleinen alten Holzhäusern bis zu unserer Wohnung reicht. Das Dörfchen ist hübsch, hat aber zu viel Gentrifizierung abbekommen. Es gibt keine Anwohner mehr. Für den abendlichen Heimweg war es trotzdem immer mal wieder eine schöne Abwechslung zwischen den kleinen Läden, Teehäusern und gut besuchten Tarotstuben zu schlendern.
Am nächsten Tag gab es eine kurze Shoppingtour am Rand von Bukchon. Ich wollte ein Nischenparfum kaufen, einen Geruch, der mich zu Hause an den Urlaub erinnert. In Seoul gibt es die Parfumerie Born To Stand Out und der Laden allein war den Ausflug schon wert. Eine erste Duftprobe gab es aus passend verzierten Keramiktöpfchen. Die oberen Räume sind eher ein kleines Kunstmuseum aber man kann auch wunderschöne, ausgefallene Bilder und Keramik kaufen. Ganz oben mussten wir Überzieher über die Schuhe ziehen, denn der Raum war komplett verspiegelt, vom Boden bis zur Decke.
In der Gegend gibt es überall Läden, wo man traditionelle Kleidung ausleihen kann und wir sahen viele verkleidete Leute. Fotos in Verkleidung scheinen hier eine ganz große Sache zu sein. Natürlich passen die kostümierten Leute auch gut in das alte Viertel. Wir schlendertene noch eine Weile durch die kleinen Geschäfte und Galerien.
Seoul hat fünf Paläste, wir wollten erstmal nur einen besuchen, schwere Entscheidung. Der geheime Garten war schließlich ausschlaggebend, dass die Wahl auf den Changdeokung Palast fiel. Eigentlich lag das alles fußläufig von unserer Wohnung, der Parfumladen, der Palast, aber es war viel zu heiß, sodass wir uns von einem klimatisierten Bus zum nächsten hangelten.
Der Palast erinnert ein bischen an die Verbotene Stadt, mit großen Höfen, Hallen und einer kleinen Stadt mit verwinkelten Gässchen, Brückchen und Toren, natürlich alles viel kleiner. Alle Paläste sind Nachbauten, weil die Originale während der Kolonialzeit von den Japanern geklaut wurden, so sind die Verzierungen der Balken und Dächer nicht mehr ganz so eindrucksvoll, aber trotzdem noch sehr schön. Beeindruckend war der Thronsaal, mit bunten, geschnitzten Wänden und schweren bestickten Gardinen.
Der Garten, versteckt hinter einem Hügel, entpuppte sich tatsächlich als Highlight. Begleitet von ohrenbetäubendem Grillenzirpen überquerten wir diesen Hügel durch ein kleines Wäldchen und kamen zu einem wunderschönen Teich, mit Pavilion, kunstvollen Wasserspeiern und Lotus. Hier war es auch gleich kühler. Hinter dem Teich und einer Reihe Bambus liegt ein großer Tempel.
Ein bisschen zu heiß war es immernoch, aber in diesem Garten war an alles gedacht. Ein paar Meter weiter konnten wir eine Pause in einer Art Kühlschrank einlegen, ein klimatisierter Glaskasten mit Getränkeautomat. Schnell fiel uns ein, dass das keine gute Idee ist, weil wir ja irgendwann wieder raus müssen. Also zogen wir nur ein Getränk und setzten uns damit auf eine Bank im Schatten, wo wir dem Lautstärkewettkampf der Vögel und Zikaden lauschten.
Ein Stück weiter durch den Pinienwald entdeckten wir noch mehr Teiche, mit Lotus und Seerosen und hinter einem alten Tor ein Sommerhaus mit einem kleinen Theater. So tief in den Garten hinein hatte sich kaum noch jemand verirrt, es war wahnsinnig idyllisch. Wir hätten ewig unter den Pinien sitzen und um die Teiche schlendern können. Leider fühlten sich hier auch riesige Insekten wohl, denen wir einen guten Snack boten.
Jetzt war Rushhour und einen Platz im Bus zu kriegen aussichtslos, also gingen wir doch zu Fuß. So konnten wir unterwegs noch einen Blick in den Unhyeongung Palast werfen, viel kleiner aber auch sehr schön und mit traditioneller Musik.
Zum Abendessen wollten wir uns weiter durch die Märkte probieren und fuhren nach Myeongdong. In der U-Bahnstation, die durch die weit verteilten Ausgänge riesig ist, liegt ein unterirdischer Markt, mit allem möglichen Krimskrams und den ersten Essensständen. Oben erwarteten uns schrill-bunte Straßen zwischen Hochhäusern, in denen sich kilometerweit Essensstände aneinanderreihen. Allerdings gab es im Gedränge weder Platz zum sitzen noch zum stehen, sodass wir uns erstmal auf die bunten Geschäfte hinter den Marktständen konzentrierten, vor Allem den zweistöckigen HABF Almond Store. Für mich als Mandelalergiker eigentlich ein Alptraum, aber bunt genug um mich trotzdem rein zu locken. Zum Glück gibt es für solche Problemfälle eine kleine Macadamia Ecke.
Mit den Essensständen wurden wir trotz des leckern Angebots heute nicht mehr warm und fuhren zurück nach Jogno. Direkt an unserer U-Bahn Station liegt das Ausgehviertel von Ikseon, bunt beleuchtete Straßen, laute Musik, hier und da lange Schlangen und Straßenküchen mit kleinen Höckerchen, das Nachtleben einer asiatischen Großstadt aus dem Bilderbuch. Bier trinken ohne Essen geht nicht, deshalb stehen köchelnde Töpfchen und Stapel von frittiertem Hähnchen auf den Tischen vor den Kneipen. Weil man hier natürlich viel länger sitzt als an einem Nudelstand und das Bier billig ist, kostet das Essen etwas mehr.
Wir wählten einen der Straßenstände und bestellten Pfannkuchen mit Kimchi und Meeresfrüchten. Hinter dem Stand wurde zwischen Eimern und Geschirr sofort der Wok entflammt und wir bekamen schon mal ein paar Knoblauchzehen als Snack.