Gyeongju – Könige, Buddhas in den Bergen und die Idylle des Hanok
Gyeongju ist eher ländlich, und besteht neben dem Hotel- und Busparkplatzviertel und der kleinen Innenstadt hauptsächlich aus Hanoks, den traditionellen Einfamilienhäusern. Unseres lag etwas versteckt in einer Sackgasse, mit einem wunderschönen Garten. Im Nachbarzimmer wohnte eine koreanische Familie auf einem Wochenendausflug. Wenn wir draußen saßen, schlichen die Kinder neugierig um uns herum und übersetzten uns zusammen mit der Mutter die Waschmaschine. Später schenkten sie uns leckeres regionales Gebäck mit Käsekuchenfüllung. Die koreanische Gastfreundschaft gilt also auch, wenn man selbst Gast ist.
Unsere Wäsche durften wir auf dem Dach aufhängen und konnten währenddessen das hübsche Wohngebiet mit den alten Dächern und Gärten überblicken. Besonders bei Sonnenuntergang war es wunderschön hier.
In unser Zimmer passten gerade zwei große Matratzen, ein Komfortunterschied zum Bett ist das nicht, weil die koreanischen Betten statt Federkern oder Lattenrost sowieso einfach den Fußboden nachahmen und aus Brettern bestehen. Drin wie draußen war es hier jedenfalls wahnsinnig gemütlich.
Draußen saßen wir zwischen Wildblumenbeeten, Seerosentümpeln, Steinfiguren und -laternen. Ab und zu kam die Besitzerin vorbei und erkundigte sich, ob es uns gefällt. Morgens stellte sie uns Obst und Toast mit Spam in die Küche, Koreaner haben eine seltsame Vorliebe für dieses Frühstücksfleisch.
Ein paar Minuten entfernt beginnt das Touriviertel, wir wollten noch was Essen und machten uns auf den Weg. Am Sonntag Abend war hier natürlich ziemlich viel los, Gyeongju ist wegen seiner geschichtlichen Bedeutung ein beliebtes Reiseziel der Einheimischen. Die Straßen sind gesäumt von schicken neuen und alten Holzhäusern, die Restaurants, Bars und Souvinirgeschäfte beheimaten. Für einen Restaurantbesuch hatten wir zu lange im Garten gesessen und entschieden uns gleich für eine Kneipe.
Das Kneipenessen steht Restaurantessen qualitativ in nichts nach. Wir bestellten halbgetrockneten Tintenfisch mit Knoblauchsauce und einen Topf Fishcake. Nur die Pommes mit Käse-Buttercreme und Knoblauchpulver waren etwas fragwürdig. Aus dem halboffenen Untergeschoss konnten wir das Treiben auf der Straße beobachten und wurden außerdem Teil des Ladens. Um die Kamera mit Aufkleberdrucker kamen wir nicht herum, das war dem Kellner wichtig. Wir könnten den Aufkleber auch mit nach Hause nehmen, aber es wäre ihm lieber, wenn wir ihn an die Wände zu denen der anderen Gäste kleben würden.
Am Morgen liefen wir durch Chrysanthemenfelder zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Gyeongju war fast tausend Jahre die Hauptstadt des Silla Königreichs und davon finden sich noch einige Zeugnisse. Überall in der Stadt verstreut liegen diese riesigen Hügelgräber unter sauberem grünen Rasen. Bis Anfang des letzten Jahrhunderts wurde kaum Notiz davon genommen und man hielt die Gegend einfach für hügelig, bis Kinder beim Spielen mit wertvollen Edelsteinen entdeckt wurden und die Grabschätze ans Licht kamen. Auf den Gräbern rum klettern kostet laut Warnschild 3 Jahre Gefängnis.
Das erste Gräberfeld beginnt schon nahe unserer Wohnung und sieht aus wie ein Golfplatz für Riesen. Spannender wird es im Cheomseongdae Park. Außer noch mehr Gräbern liegt hier der namensgebende Turm. Aus 366 Steinen erbaut, wird vermutet, dass es sich um ein astronomisches Observatorium handelt. Hinter dem Turm liegt der Hahnenwald, mit alten knorrigen Bäumen und einem Glockenturm und dahinter ein Wall der alten Stadtbefestigung.
Wir vermuteten dort eine Abkürzung zum Nationalmuseum, wo wir uns die Grabschätze ansehen wollten. Aber am Weg war gerade eine Baustelle und so wurde aus der Abkürzung eine kleine Wanderung. Durch einen lichten Wald folgten wir einem Pfad zum Fluss, Einheimische saßen auf Bänken im Schatten und genossen die Aussicht oder sammelten Eicheln. Auf der anderen Flussseite erstrecken sich weite Felder, Wälder und Hügel. In der Landschaft verstreut liegen einzelne Bauernhöfe. Eine Aussicht wie aus dem Bilderbuch. Eine freie Bank verzögerte unsere Ankunft am Museum weiter.
Dann die nächste Verzögerung, es gab unterwegs garkeine Snacks. Daran hatten wir uns schon gewöhnt, dass alle paar Meter Essen im Überfluss verfügbar ist. Ständig war uns in den letzten Tagen irgendwas leckeres begegnet. Hier auf dem Land nicht. Statt Museumscafé gab es den wohl frequentiertesten 7-Eleven Koreas, ausgestattet mit mehreren Heißwasserspendern und Mikrowellen. Schulklassen wie Ausländer stopften sich mit Instantsuppen voll und stapelten die leeren Becher meterhoch.
Das Museum hat mehrere Gebäude. In der Sillagalerie fanden wir beeindruckende Buddhastatuen und Tempelteile aus den umliegenden Bergen. Überall in der Gegend wurden damals Heiligtümer aufgebaut. Zum Schutz vor der Witterung wurden sie vor einigen Jahren durch Repliken ersetzt.
Im Hauptgebäude befinden sich alle möglichen archäologischen Fundstücke, interessant fanden wir, dass sich die Gegenstände bis zur Bronzezeit überhaupt nicht von denen bei uns unterschieden. Der künstlerische Aspekt kam wohl erst später ins Spiel.
Dann kamen wir zu den wahnsinnig eindrucksvollen Grabbeigaben, goldene Kronen und Schuhe, allerlei Schmuck, Figuren und Lampen. Über die tausend Jahre kam davon eine Menge zusammen. Durchweg beliebt war das Entenmotiv, das einem Pferd ähnelte. Außerdem gab es ein paar exotische Beigaben, die über die Seidenstraße gekommen waren, darunter hauptsächlich Glas aus Europa.
Die meisten Gräber, über 20 Stück, befinden sich im Tumuli Park in der Innenstadt. Eines davon kann man besichtigen. Wahnsinn, von innen wirkt der Grabhügel noch größer. In der Mitte liegt der goldene Sarkophag, darum wurden 20 Meter breite Holzgerüste aufgebaut und mit Steinen gefüllt. Dann wurde das ganze mit einer dicken Lehmschicht verschlossen. Im angeschlossenen Museum gab es eine immersive Ausstellung zu einem anderen Grab, dass als einziges mitten im Meer liegt, und zum Bau der Gräber und den Bestattungsritualen.
Schon wieder Zeit zum Essen. Gestern Abend hatten wir uns an einem Nudellokal versucht, keine Chance, selbst die Warteschlange war ausgebucht. Heute sollten 6 Tische vor uns dran kommen. Also entschieden wir uns für einen idyllischen Ramenladen, wo wir unsere Suppe im Fenster essen konnten. Dann schlenderten wir durch die verworrenen Gassen der Altstadt zurück zum Hanok und und ließen den Abend mit Grillenzirpen und Makgeolli im Garten ausklingen.
Von den alten Buddhas im Museum neugierig geworden, wollten wir uns die spirituellen Orte in den umliegenden Bergen ansehen. Mit dem Bus fuhren wir zum Fuß des Namsan und stiegen im Nirgendwo zwischen Reisfeldern und Gewächshäusern aus. Hinter einem kleinen Bauerndorf mit Kürbisfeldern und rustikalen Häusern ging es steil den Berg hoch, ein Steinbuddha war dort ausgeschildert. Oben angekommen wunderten wir uns, um den Buddha herum war eine idyllische Tempelanlage gebaut wurden, in der wir die Skulptur ganz oben zwischen großen Felsen fanden. Von hier hatten wir eine wahnsinns Aussicht auf Berge und grüne Felder.
Auf dem Weg nach unten entdeckten wir einen weiteren Wegweiser und eine verrückte Kletterpartie führte uns zu einem versteckten alten Relief mitten am Hang zwischen Felsen, Bäumen und Spinnweben.
Jetzt hatten wir uns eine Pause verdient und, wie praktisch, an der Bushaltestelle gab es ein einsames Café. Drin warteten gemütliche alte Couchen, klassischer Musik und Eiskaffee vor großen Fenstern mit Blick auf Reis und Wald.
Am Abend starteten wir den dritten Versuch mit dem Nudellokal und wurden sofort freudig reingewunken. Ja, das war hier schon sehr lecker, wir bestellten eine große Suppe, Teigtaschen mit Kimchi und knusprigen Kartoffelauflauf. Dann erkundeten wir die Sehenswürdigkeiten der Stadt bei Nacht, ein ganz anderes Erlebnis.
Der Astronomieturm und die Gräber sind im Dunkeln bunt beleuchtet und in den Wasserbecken, die zum Wall gehören quakten die Frösche. Der Weg zum Wolji Teich wird im Dunkeln von beleuchteten Mond- und Blumenistallationen gesäumt und im Hahnenwald schimmert es geheimnisvoll.
Am Teich liegen die Reste eines alten Palastes, die jetzt am Abend romantisch beleuchtet sind. Alle Touristen der Stadt versammeln sich scheinbar hier, wir stürzten uns in die Massen. Entlang und durch die alten Pavillons, die sich märchenhaft im Wasser spiegeln, kann man den Teich umrunden und hier und da fand sich sogar ein ruhiges Eckchen. Vom anderen Ufer, an einem Bachlauf, versteckt zwischen Pinien, kann man die ganze Anlage sehen, von Lautsprechern in den Bäumen lief seichte Musik. Hierher verirrten sich nur wenige Leute.
Schon aus dem Bus auf dem Weg nach Busan hatten wir die große beleuchtete Woljeonggyo Brücke gesehen, sie liegt auf der anderen Seite des Parks, einen Spaziergang durch den verwunschen schimmernden Hahnenwald entfernt. Auf beiden Seiten erheben sich hölzerne Türme, mit ihren breiten, geschitzten Galerien, dazwischen überspannt das überdachte Bauwerk den Fluss. Auf der anderen Seite sang eine schicke Frau vom Turm herab.
An der Brücke beginnt das Freilichtmuseum von Gyeongju und wir schlenderten noch etwas durch dessen stimmungsvolle, dunkle Gassen.