Korsika – die Calanche und Filitosa – Phallusse und Das Auge der Heiligen Lucia

Korsika – die Calanche und Filitosa – Phallusse und Das Auge der Heiligen Lucia

Am nächsten Tag wollten wir die Calanche zu Fuß erkunden und landeten direkt in der Hölle. Die wieder mal viel zu enge und viel zu kurvige Straße war voll mit Menschen, die überall für Fotos rumstanden und ihre Wohnmobile und Autos in jeder noch so winzigen Haltebucht parkten. Ja, vielleicht war die Landschaft hier sehenswert, aber wir wollten nur noch weg, bevor wir für immer feststeckten, wenn sich die Staus aus beiden Richtungen begegneten. 

Der nächste Ort war das Städtchen Piana, erstmal Mittagessen und dann den Plan ändern.

Im Käsegeschäft holten wir uns noch Snacks für den Nachmittag und fuhren dann eine einsame Straße durch endlose, verträumte Wiesen zum nächsten Strand. In der Bucht von Chiuni herrschte wieder diese wundervoll entschleunigte Inselathmosphäre, eine verschlafene kleine Strandbar, eine niedrige Düne und dahinter eine lange, weiße Bucht. 

Am Wasser gab es einen schmalen Streifen aus feinem Kies, der aus irgendeinem Grund sehr beliebt bei den anderen Strandbesuchern war. Irgendwas gab es hier zu sammeln. Besondere Steine, Muscheln? Wir entdeckten nichts. Beim Schnorcheln kollidierte ich mit einer anderen Schnorchlerin, die sich ebenfalls für den Kiesstreifen interessierte. Sie hatte ein kleines Döschen dabei und schenkte mir daraus zwei ihrer Schätze. Es ging um das Auge der heiligen Lucia, die Deckel der Turmschnecke, runde, flache Steine, mit einer regelmäßigen goldenen oder braunen Spirale. Einen riesigen davon trug sie um den Hals, aber hier gab es nur kleine. Die Deckel gelten auf der Insel als Glücksbringer und jetzt konnte ich sie auch hier und da zwischen den Kieseln entdecken.

Am nächsten Nachmittag kamen wir nochmal zum Stand zurück. Fast am Ende der Bucht hatten wir ein paar Felsen gesehen, wo es sicher noch was zu entdecken gab. Hier gab es außerdem eine Flussmündung mit dicken Oleandersträuchern, Palmen und einer niedlichen Hütte. Die Felsen waren weit draußen, ein gutes Stück zu schwimmen, dann taten sich dort herrliche Unterwasserlandschaften auf, Felstore, mit geheimnisvollen Becken dahinter, kleine Schluchten und Höhlen und natürlich viel mehr bunte Fische, als auf dem Sand. Schnecken und Krebse versteckten sich in den Felsspalten, aber auch eine Anemone, die versuchte, ein paar Snacks anzulocken. Seegraswiesen wechselten sich mit kleinen, von Weichkorallen überzogenen Steinen und Sandböden ab. Hier und da tauchte ein großer Schwarm transparenter Fische auf und verfolgte uns zutraulich ein Stück. 

Am Abend hatte sich die Straße durch die Calanche geleert und wir hatten das Glück im Sonnenuntergang hier zu sein, der die Felsen in ein tiefes Rot tauchte und die Landschaft noch mystischer machte. Die meisten Leute von der Straße schien es auf unseren Campingplatz verschlagen zu haben, der war nun übervoll, sogar die Parkplätze waren mit Bussen und kleinen Wohnmobilen belegt. Doch am nächsten Morgen hatte sich die Lage noch vor dem Frühstück beruhigt und auch die Straße war frei.

Neuer Versuch, Wanderung die Zweite. Am Tete de Chien ergatterten wir einen Parkplatz und stiegen hinter dem Hundekopf aus rotem Fels in den Wald ab. Unter den Eukalyptusbäumen liegen ausgewaschene Felsen, die aussehen wie Schädel. Ein Pfad führt bis zu einer riesigen, hohlen Felssäule, die mystisch von Sträuchern umschlungen wird, der Bischof, wenn man ihn von der anderen Seite betrachtet. Hier beginnt bald eine anstrengende Kraxeltour, die Berge hoch und runter, vorbei an den verrücktesten Formationen und immer wieder mit traumhaften Aussichten auf die Bucht von Porto und Scandola an der gegenüberliegenden Küste. Noch ein steiles Stück bergauf, dann erreichten wir einen sandigen, duftenden Eukalyptushain, durch den wir zu einem Felsplateau mit Blick über die gesamte Bucht gelangten. Hier oben sind die Boote nicht mehr zu hören, nur der Wind. Eidechsen huschten über die Felsen, unter uns lag die weite, tiefblaue Bucht, bis zu den roten, mystischen Felsen gegenüber. Lang saßen wir hier, und sahen aufs Meer. 

Auf der Weiterfahrt hatten wir einen Reisebus vor uns und waren froh, dass dem niemand entgegenkam, bis wir sahen, dass der komplette Gegenverkehr für den Bus gesperrt worden war. Für größere Fahrzeuge ist diese Insel ein logistisches Abenteuer.

Wir fuhren noch bis Cargese und übernachteten dort auf einem Bauernhof unter Olivenbäumen. So vollgestopft Porto war, so ruhig und idyllisch war es hier. Den größten Trubel verursachte eine beeindruckende Ameisenstraße, die die Reste der Camper abtransportierte. Anscheinend benutzen die Tiere schon den ganzen Sommer den gleichen Weg, denn unter ihnen war bereits eine tiefe Rinne ausgelatscht. Weiter unten auf dem Platz chillten ein paar Wasserbüffel im Matschloch und nachts schlich ein knurrendes Tier ums Auto. 

Cargese ist verglichen mit den meisten Orten richtig groß, aber genauso schön und vielleicht mit noch mehr Blüten überwuchert. Die meisten Einwohner sind Griechen. Wir deckten uns in einem Feinkostgeschäft mit Käse und Oliven ein und besichtigten die Kirchen der Stadt, die griechische und die korsische, hoch oben über dem Meer. Die Griechische ist bunt bemalt, oben mit Sternenhimmel und hat einen wunderschönen Boden. Die Malereien in der Korsischen, sind in Grau- und Beigetönen gehalten und dennoch total eindrucksvoll, weil sie so dreidimensional wirken.   

Von Cargese hatten wir noch eine längere Fahrt vor uns, in den Süden der Insel. Die Gegend um die Hauptstadt Ajaccio ließen wir aus und staunten dennoch darüber, Autobahnen und Industriegebiete mit großen Einkaufszentren hatten wir auf Korsika nicht erwartet. Aber bald schon wurde es wieder ländlicher und wir bogen in idyllische grüne Hügel mit Wiesen und Wald ab. Die Straßen wurden immer enger und kurviger, bis wir schließlich das Dörfchen Sollacaro erreichten. Hier befindet sich die archäologische Stätte von Filitosa, Überreste tausende Jahre alter Kulturen, die einen haben vor ca. 8000 Jahren Steinmännchen, sogenannte Menhire aufgestellt, die nächsten haben sie 3000 Jahre später zerschlagen und Phallusstatuen daraus gemacht und von beidem gibt es hier noch jede Menge. Viel ist über diese alten Kulturen nicht mehr bekannt, nur dass sie vermutlich verfeindet waren.

Unabhängig davon, bietet schon der Ort allein eine mystische Athmosphäre. Wir betraten die Anlage von oben, wo einst das Dorf dieser Menschen lag, bestehend aus ausgehöhlten Felsen, denen ein paar Mauern hinzugefügt wurden. Über einem steilen Abhang liegt ganz vorn eine kleine Burg, auch aus dieser Felshöhlen-Mauern Kombination. Tief unten im Tal sahen wir den tausend Jahre alten Olivenbaum, hinter einem kleinen Bach in einer weiten, sandigen Ebene. Wie kommen wir bloß dort hin? Die Landschaft hier ist so verworren und unwirklich, dass sie alle Wege einfach verschluckt. Schließlich erkannten wir im Abhang die Treppe und stiegen hinab. Um den uralten Baum herum waren Palusstatuen aufgestellt, dahinter liegt der Steinbruch, aus dem die Figuren und das Baumaterial geschlagen wurden. 

Von hier unten, aus dieser riesigen Ebene, wirkt das kleine Dorf mit der kegelartigen Burg am Abgrund noch mystischer. Der Rückweg war leichter zu finden und führte durch einen verwunschen Wald mit Trauerweiden, alten Oliven und Eukalyptus, deren Wurzeln wild in die Felsen verschlungen sind. 

Zurück an der Küste erreichten wir eine geschmacklose Ferienregion, Propriano ist mit eintönigen Hotels zugepflastert und auch die parzellierten Campingplätze wirkten wenig einladend. Aber es war schon spät und wir wollten ja nur die Nacht hier verbringen. Schließlich entdeckten wir einen versteckten kleinen Platz und der hielt überraschend noch ein Highlight für unseren Abend bereit.    

Wir standen am Zaun zu einer großen, hügeligen Weide, hinter der in traumhaftem Licht die Sonne unterging. Auf der Weide tummelte sich eine gemischte Herde, mit Kühen, Ziegen und Schafen und ganz oben auf einem Hügel stand ein kleines, beleuchtetes Bauenhaus. Zu Allem Überfluss schien darüber der Vollmond. Das war unsere private Kulisse, für ein Konzert mit traditioneller, korsicher Musik, mit Gitarre und Gesang, das auf der anderen Seite stattfand. 

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