Trinidad – Totenkopfäffchen out of control

Trinidad – Totenkopfäffchen out of control

Ach du sch…. war unser häufigster Satz, sobald dieses Tier irgendwo auftauchte. Weil es triumphierend – kreischend auf dem Hund in den Essraum ritt, mich von langer Hand geplant, vom Baum aus an den Haaren zog, an einem unisolierten Stromkabel vor Christians Gesicht schaukelte oder mit der Katze…, ähm was genau soll das werden? Aber es kann ja nicht alles perfekt sein, darum mussten unsere Gastgeber wohl irgendwann diesen irren Affen in Pflege nehmen. Chancen, ihn irgendwann auszuwildern, malte sich kaum noch jemand aus. 

Naja, eigentlich war das kleine Tier ganz niedlich und außerdem Teil der phänomenalen Begrüßungsshow. Mit dem Boot kamen wir mitten im Amazonasregenwald an einer langen Treppe an und verliebten uns, kaum dass wir oben waren, in diesen Ort. Äffchen begrüßte uns als erstes, dann wurde uns herzlich ein Tablett mit frischem, eiskaltem Saft entgegengestreckt, das wir garnicht richtig würdigen konnten, weil gleichzeitig zwei halbwilde Papageien schimpfend über unseren Köpfen landeten, um zu gucken wer da angekommen ist. Und während wir noch ihr wunderschönes Gefieder bestaunten, umflatterte uns schon der größte Schmetterling der Welt, leuchtend blau und so groß wie eine Hand. Wo sind wir denn hier gelandet? Direkt im Paradies! 

Schon die Anreise war vielversprechend. Zu Fuß könnten wir im Moment nicht viel machen. Ihr werdet aufs Boot angewiesen sein, wenn ihr jetzt kommt, warnten unsere Gastgeber. Aber wir sind nun mal jetzt in Bolivien und was könnte aufregender sein als der Amazonasdschungel in der Regenzeit. Eine gute halbe Stunde flogen wir vor der Landung über Wasser, kaum dass wir aus den Bergen raus waren, gab es unter uns nur breite Flüsse und überschwemmte Wälder, so weit das Auge reicht.

Ein Guide holte uns mit einem Geländewagen am Flughafen ab, zu dem die einzige Zufahrt ein löchriger, matschiger Feldweg ist, auch stadteinwärts nach Trinidad. Den fuhren wir eine Weile entlang, rechts und links zugewuchertes Wasser, Bäume mit lauten bunten Vögeln und ohrenbetäunenden Insekten. Im Dschungel versucht jeder lauter zu sein als alle anderen. Hier und da gab es trockene Hügel, mit einzelnen Häusern. Matschige Mopeds kamen uns entgegen. Schon bald kamen wir nicht mehr weiter und stiegen aufs Boot um. 

Eine Stunde fuhren wir durch diesen wunderschönen Dschungel zur Insel, die schon nächsten Monat einfach ein Hügel am Fluss mit Feldweganbindung sein wird. 

Wir kamen an kleinen Hütten aus Holz und Stroh vorbei und trafen einzelne Bewohner der Gegend auf kleinen Booten. Auf dem letzten Stück bogen wir in den Wald ein und die Fahrt wurde abenteuerlicher. Überall ragten Sträucher und Äste aus dem Wasser und aufgescheuchte Wasservögel kreuzten unseren Weg. Dann erreichten wir die Lagune, das Boot kämpfte sich durch einen dichten Teppich aus Wasserpflanzen und schon sahen wir das Haus und einen schattigen alten Baum, an er Treppe im Wasser. Chuchini, wir waren da.  

Wegen der Regenzeit waren wir die einzigen Gäste, die letzten reisten gerade ab. Bevor wir die Zimmer in der Hütte über der Lagune beziehen durften bekamen wir einen Wedel mit dem wir uns jedes mal gründlich abpuscheln sollten, um keine Mücken ins Zimmer zu bringen. Die dicken Kröten, die mit ihren Saugnapffüßen im Bad und über dem Bett auf uns warteten, waren darüber vermutlich etwas traurig. Das ist die Schattenseite des Paradieses. Die Mücken haben nur auf uns gewartet. Pool, Duschen, Schwitzen, wann immer sich eine winzige Lücke in unserer Deetschicht auftat, stürzten sie sich auf uns. 

Erstmal gab es Mittagessen am Fluss, in einem Gebäude aus Grundmauern, Mückennetz und Dach, mit einer Reihe gemütlicher Hängematten.   

Danach hatten wir nichts mehr vor, außer im Dschungel sein und im Pool baden. Beides zusammen war einfach überwältigend schön. Der Pool fällt unter knorrigen alten Bäumen direkt in die verwucherte Lagune ab. Hier im erfrischenden Wasser treiben war die perfekte Beschäftigung nach der abenteuerlichen Anreise.

Äffchen und die halbwilden Papageien kommen aus illegaler Haustierhaltung, unsere Gastgeber kümmern sich um die Tiere und wildern sie irgendwann wieder aus. Aber es kommen auch wilde Tiere vorbei, wie die zwei blauen Papageien, die abends in einer ausgehöhlten Palme wohnen und geräuschvoll und neugierig rauskommen, wenn man davor stehen bleibt.  

Am Abend streiften wir noch etwas über die Anlage, entdeckten prall behangene Pomelobäume, Vögel und bunte Schmetterlinge, Äffchen und die beiden Hunde der Familie immer auf unseren Färsen. Wenn Äffchen nicht durch die Bäume über uns turnte, ritt es auf einem der Hunde. Mit Einbruch der Dämmerung wurde der Dschungel immer lauter. Die Brüllaffen in der Ferne sorgten für ein anhaltendes Dröhnen, dann legten die Grillen und Kröten um uns herum los. Später hörten wir große Tiere in der Lagune, aber das waren nur die Pferde, die zum Schutz vor dem Mücken ein Schlammbad nahmen. 

Je weniger wir sahen, um so lauter wurden die Geräusche und in der Nacht kamen noch die Hunde dazu, die ein Stachelschwein verscheuchten.  

Zum Frühstück gab es herzhaftes Gebäck aus Mais und Käse, frische Bananen und Eier und während des Essens stellte sich unser Guide, Ronco, vor. Mit ihm würden wir die nächsten Tage hier unterwegs sein. Um halb zehn wollte er los. 

Sein Messer in den Holztisch gespießt, erwartete er uns. Er hatte eine Jenipapo aufgeschnitten. Die Einheimischen verwenden die Frucht, um Kleidung oder Haare zu färben. Saft und Fruchtfleisch sind durchsichtig und werden erst nach und nach dunkel. Kommt man mit dem durchsichtigen Saft in Kontakt, hat man wochenlang dunkelblaue Flecken auf der Haut, die sich mit nichts entfernen lassen. Das erzähle Ronco uns, während er sich den Arm damit vollschmierte. Als unsere Flecken anfingen zu verblassen, waren wir längst zu Hause.

Eingefärbt ging es aufs Boot, Ronco suchte Tiere. Auf dem Wasserpflanzenteppich zeigte er uns kleine Vögel mit überdimensionalen Füßen, so groß, dass sie über die Wasseroberfläche laufen können. Ein anderer Wasserpflanzenteppich war mit endlosen Spinnennetzen überzogen. Jedes Mal, wenn wir uns durch diese Pflanzen gewühlt hatten, war das Boot voll mit Heuschrecken. Überhaupt war in dem Grünzeug wahsinig viel los, ein unfassbares Gewimmel aus Insekten. 

Wir bogen in seichtes Wasser ab, wo der Fluss schon einen Teil der Straße nach Trinidad freigegeben hatte. Hier chillte eine Herde Capybaras im Schatten, klischeehaft mit Fellpflegevogel auf dem Rücken und mehreren Babys. Ab und zu tauchten sie gemächlich ins Wasser ab. Am Abend schwamm die Gruppe unter unserem Pool vorbei. 

Das verrückteste Tier für heute war ein Hoatzin, ein Vogel aus der Urzeit, der uns grimmig vom Baum aus beobachtete. Er hat keine lebenden Verwandten und sich seit der Zeit der Dinosaurier nicht verändert. So sieht er auch aus, mit seiner wilden Stachelfrisur und dem finsteren Blick. Die Küken haben Krallen an den Flügeln, mit denen sie zurück ins Nest klettern, nachdem sie sich ins Wasser gestürzt haben, um Raubvögeln zu entkommen. 

Wir entdeckten außerdem mehrere Brüllaffengruppen. Eine hatte sogar ein Baby dabei. Kaum zu glauben, dass so kleine, niedliche Äffchen so laute und gruselige Geräusche machen können. Im Gestrüpp lauerte einer der 800 Kaimane, die in der Lagune leben. An einigen Stellen wachsen Bananenpalmen und Ronco zeigte uns die Dörfer dazu. In der Regenzeit sind sie verlassen und die Hütten halb verfallen. Wir pflückten wilden Kakao und lutschen das süße, weiße Fruchtfleisch. 

Mittagszeit. Am Anleger wurden wir wieder mit einem kalten Saft empfangen. Heute Ananas. Dann gab es große Stücke frittierten Paiche, den leckeren Amazonasraubfisch und ein Päuschen in der Hängematte, bevor Ronco uns wieder einsammelte. Eine kleine Wanderung könnten wir doch schon machen. Er stattete uns mit Gummistiefeln und Mückenhut aus und los gings. 

Hinterm Haus kletterte er mit seinen Gummistiefeln auf einen Baum und pflückte ein paar Pomelos um uns die regionale Verzehrart zu zeigen. Deckel abschneiden, quetschen, schlürfen. Äffchen folgte uns in den Bäumen und versuchte, Ronco auf den Kopf zu pinkeln, bis er es mit einer übrigen Pomelo abwarf.    

Im angrenzenden Wald wächst Medizin für fast alles und der Lieblingsbaum der Feuerameisen. Schnell weiter. Tiefer im Wald wurde es immer sumpfiger und es war so schwül, dass uns der Schweiß von der Nase tropfte. Aber unser Guide war noch schnell genug, um sich eine regenbogenfarbene Schlange zu schnappen, die er uns in die Hand drückte. Schlangen seinen seine Lieblingstiere. 

Später gab es noch eine kurze Bootstour. In der Dämmerung hat der Fluss eine magische Atmosphäre. Fledermäuse sausten über unsere Köpfe und die Brüllaffen sammelten sich in den Bäumen für ihr abendliches Konzert. Anschließen erfrischten wir uns bei Mondlicht im Pool während im Dschungel wieder die ohrenbetäubende Nacht anbrach.

Bevor wir den Tag in der Hängematte ausklingen ließen, gab es Abendessen. Hühnereintopf und Kartoffel-Reisbrei. Zu jeder Malzeit bekamen wir eine andere Spezialität frisch zubereitet, die leckersten Desserts und einen anderen frisch gepressten Saft. Das Essen in Chuchini ist vielleicht eines der besten in ganz Bolivien. 

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