Seoul – Gangnam Style und ein Alptraum aus Stoff und Knöpfen
Zurück in Seoul wohnten wir in Chungmuro, hier geht es lokaler zu als in den touristischen Vierteln, die wir bisher gesehen haben. In den schmalen Gassen liegen kleine Druckereien und Werkstätten und dazwischen winzige Straßenkneipen, die sich am Abend mit Büroangestellten in Anzügen füllen. Das einzige große Gebäude ist unseres, es fällt aber nicht weiter auf, weil es im Erdgeschoss haufenweise kleine Läden gibt, beispielsweise gleich drei G25 Convenience Stores. Unser Zimmer hatte die beste Aussicht auf den Namsan und den Seoul Tower und auf Monitore an entfernteren Hochhäusern, die so groß sind wie unser Haus zu Hause.
Gegenüber bestellten wir mit Händen und Füßen eine Suppe. Während wir die vespreisten wurde eine Schubkarre voll Kohl geliefert, in den Eingang gekippt und dort zu Kimchi verarbeitet.
Nach dem Essen wollten wir etwas über den Dongdaemun Markt schlendern. Die Gegend kam uns überraschend vertraut vor, gegenüber des riesigen Marktes liegt der ebenfalls riesige Gwangjang Markt, unser Lieblingsort zum Abendessen. Ein Markt, so groß wie eine Kleinstadt, grenzt hier also direkt an den nächsten.
Der Dongdaemun Markt ist endlos. Auf Stände und kleinere Geschäfte mit Campingbedarf, folgten schmale Gassen mit Essen und kleinen Restaurants, hauptsächlich gab es hier Suppe mit gefülltem Hühnchen, eine Spezialität der Gegend. Etwas weiter wurde das gleiche Gericht nochmal von 50 weiteren Köchen in einer zweistöckigen Markthalle serviert.
Schließlich erreichten wir eine Straßenkreuzung, die vor geparkten Motorrädern mit seltsamen Aufbauten überquoll. An den Rändern der Märkte gehören Motorräder für Lieferungen ins Bild, die kommen einfach besser durchs Gewusel. Aber eine solche Menge hatten wir hier noch nie gesehen.
Auf der anderen Straßenseite standen wir vor einer riesigen Markthalle und die lässt sich schwer beschreiben, würde sich aber als Kulisse in jedem Alptraum gut machen. Wir wollten dort drin zur Toilette und folgten arglos den Schildern. Rein war einfach. Vorbei an einer breiten Rampe, die in ein ebenso überfülltes riesiges Kellergeschoss führte, schlängelten wir uns durch enge, verwinkelte Gänge mit Stoffen. Stoffen, Stoffen, Stoffen, hauptsächlich Gardinen. Kaum Schall existiert in dieser riesigen Halle, nur Stoffe, die jedes noch so laute Geräusch verschlucken. In den Gängen passen keine zwei Personen aneinander vorbei, und man kann in diesem Labyrinth kaum weiter als zwei Meter sehen. Die Toiletten waren ausgeschildert, der Ausgang nicht.
Irgendwann standen wir vor einer Treppe. Wir wollten zwar keine Gardinen kaufen, aber raus fanden wir auch nicht und neugierig waren wir doch, was dieser kafkaeske Ort noch zu bieten hat. Also wählten wir den Weg nach oben. Knöpfe, Knöpfe, tausende Quadratmeter Knöpfe und Reißverschlüsse. Jeden Knopf, der jemals auf der Welt produziert wurde, kann man hier wahrscheinlich nachkaufen. Wo wir unten zwischen den Gardinenständen noch Gänge erkennen konnten, war es auf dieser Etage jedoch aussichtslos durchzufinden, nur noch alle paar Minuten kreuzten wir einen übersichtlicheren Gang. Vermutlich gibt es auf jeder Etage mehrere Kilometer Gänge.
Wann immer wir eine Treppe fanden, gingen wir weiter nach oben. In Kurven und auf den Treppen mussten wir höllisch aufpassen, nicht von einer Teppichrolle platt gemacht zu werden. Immer mal wieder kam jemand in Motorradkleidung entgegen, der eine lange Rolle auf der Schulter trug. Dazu also die seltsamen Aufbauten auf den Motorrädern.
Acht Stockwerke gab es, eins verwinkelter als das andere. Auf der Etage mit dem Bettzeug hatten wir das Gefühl, dass auch unsere eigenen Worte sofort verschluckt wurden, wie soll man hier bloß über Qualität oder Preise sprechen? Hier blieben wir etwas länger, weil es so friedlich war.
Zurück im Gardinengeschoss fanden wir irgendwann völlig überfordert einen Weg nach draußen und steuerten erstmal das nächste Café an, von dem wir das wuselige Treiben um die Halle beobachten konnten. An jeder Ecke wurde Zeug auf Motorräder verladen.
Am Abend fuhren wir zum Fluss. An einer Brücke gibt es den längsten Springbrunnen der Welt, angekündigt durch Menschenmass auf der Doppelstöckigen Straße. Der Taxifahrer ließ uns einfach mitten auf der Brücke raus.
Die Show war wunderschön. Bunt beleuchtet tanzten die Fontänen zur Musik über dem Fluss. Wir setzten uns ans Ufer mitten ins Getümmel und das Getümmel war die nächste Sehenswürdigkeit. Die Menschenmassen verteilten sich über ein riesiges Gelände, von dem man die Brücke zum größten Teil gar nicht sehen konnte. Aber das schien den Leuten egal. Die meisten wollten scheinbar einfach nur am Freitagabend hier sein. Sie saßen in Kreisen an niedrigen, mitgebrachten Tischchen auf Picknickdecken, hatten Lampen und Geschirr dabei und im Sekundentakt rannte jemand mit dem Handy in der Hand zur Straße, um einen Essenslieferanten zu suchen.
In Korea sind Mülleimer fast so selten wie in Japan und wir liefen in den letzten drei Wochen ständig mit leeren Verpackungen durch die Gegend, aber hier stehen sogar überall große Container.
Zwischen der ersten und der zweiten Show holten wir uns ein Bier in einem völlig überfüllten Convenience Store auf den benachbarten künstlichen Inseln. Von hier hatten wir eine tolle Aussicht auf die nächtlichen Skylines auf beiden Seiten des Flusses. Der nördliche Teil sieht unordentlich und gewachsen aus, am südlichen Ufer gleicht ein Hochhaus dem anderen. Dazwischen liegen endlos viele Brücken.
Nun wollten wir auch das Seoul südlich des Flusses erkunden. Also machten wir uns auf den Weg nach Gangnam. In der U-Bahn entdeckten wir, dass auf der Anzeigetafel niedliche, detailgetreue Züge mit Fensterchen und Lichtern von Station zu Station fahren, sodass man immer weiß wo der Zug gerade ist. Selbst in der U-Bahn gibt es immer noch was zu entdecken.
An der Coex Mall steigen wir aus und machten uns auf die Suche nach der Strafield Library. Wir betraten die Bibliothek von oben und fuhren mit einer langen Rolltreppe zwischen burgartigen Büchertürmen nach unten. Eigentlich ist es eher eine Buchhandlung und noch mehr ein koreanischer Fotospot als eine Bibliothek. Das passt hier in Gangnam ins Bild, Fotokulissen zwischen schicken aber seelenlosen Hochhäusern. Das Buchcover zählt, aber gelesen wurden hier höchstens die Zeitschriften.
Wir akzeptierten, dass Literatur in dieser Bibliothek keine Rolle spielt und in diesem Raum wahrscheinlich noch nie ein Buch ausgeliehen oder gekauft wurde. So bleibt noch die Architektur und das Design übrig und unter diesem Blickwinkel ist die Bibliothek wirklich schön. Oben gibt es eine umlaufende Galerie mit Cafés, von der man den ganzen Raum und die riesigen Regaltürme überblicken kann. Unten gibt es gemütliche Sitzecken und breite Holztreppen.
Nicht weit entfernt steht Gangnams recht neues Wahrzeichen und versorgte uns für den Rest des Tages mit einem Ohrwurm. Die Statue mit den Reiterhänden dudelt auf Knopfdruck. Wir hatten Glück und erwischten eine Lücke in der obligatorischen Schlange, die sich erst hinter uns wieder bildete. Am U-Bahneingang fand wärenddessen eine Modenschau statt.
Seoul hat so viele unterschiedliche Viertel und wir nur noch Zeit für eins, wir entschieden uns für Songsu-Dong. In alten Schuhfabriken haben sich Läden und Galerien angesiedelt. Die Wohngegenden sehen hier auch wieder anders aus und bestehen hauptsächlich aus modernen Einfamilienhäusern.
Jetzt am Wochenende war hier die Hölle los und das koreanische Hobby, Schlange stehen, wurde in diesem Viertel auf die Spitze getrieben. Hunderte Meter weit sauber aneinandergereihte Menschen stauten sich zur Kosmetikberatung, um ein Eis zu kaufen und vor Pop-Up Stores oder scheinbar auch einfach so. Wir hatten die falsche U-Bahnstation, in China-Town, genommen und liefen gegen den endlosen Strom. Hier und da kamen wir aber ohne Schlange in lustige Geschäfte, Hinterhöfe mit Flohmärkten und versehentlich in ein Hundecafé.
Winzige, geföhnte und völlig überdrehte Hunde in Windeln, die in Korea sonst ihr Leben im Kinderwagen fristen, fielen sofort über uns her. Wahrscheinlich bekommen sie nur mal am Wochenende Auslauf, auf diesen wenigen Quadratmetern. Schnell weiter, diese armen Tiere waren komplett verrückt.
Am Abend waren wir von dem Trubel völlig erledigt und wollten den Tag nach einem leckeren Barbeque im Erdgeschoss, im Zimmer ausklingen lassen. Eigentlich wollten wir noch auf den Namsan, aber ein kühles Getränk mit dem Berg vor dem Fenster schien uns auch keine schlechte Option. Da erreichte uns eine Warnmeldung auf dem Handy, das Feuerwerksfestival sei an der und der Stelle überfüllt und diese und jene U-Bahn Haltestelle wegen Überfüllung gesperrt. Man sollte andere Aussichtspunkte aufsuchen.
Die meisten Leute verstanden das offenbar als Werbung und auch wir waren etwas aufgeschreckt. Das Feuerwerksfestival! Wenige Minuten später kam eine weitere Meldung, jetzt waren alle Orte überfüllt, man sollte zu Hause bleiben.
Dann sahen wir die ersten bunten Lichter und erinnerten uns an die Dachterrasse. Zwischen zwei Hochhäusern war die Sicht Richtung Fluss frei, ja wir sahen nicht die ganze Choreografie, aber die spektakulären, ganz hohen Sachen. Das Spektakel dauerte ganze zwei Stunden und es war wunderschön hier oben.
Supermärkte sind in Korea rar, genau genommen haben wir noch keinen einzigen gesehen, aber am Hauptbahnhof gibt es einen für genau zwei Zielgruppen: Touristen die Lebensmittel als Souvenirs kaufen wollen, also uns, und Koreaner, die ein Gericht mit ausländischen Zutaten kochen wollen. Wir fanden hier Ginseng und Kimchi in allen Qualitäts- und Preisklassen und Präsentkörbe mit Spam. Diese Liebe zu billigem Dosenfleisch werden wir wohl nie verstehen.
Anschließend ließen wir uns noch etwas durch das überfüllte, sonntägliche Myeongdong treiben. Wir aßen eine Waffel in Geldstückform, mit der seltsamen aber leckeren Füllung aus Buttercreme und Käse. Im Hello Kitty Apple Café tranken wir einen kalten Tee. Ja, Schlange stehen ist einfach nur ein Hobby. Weil sie uns garnicht mehr aufgefallen war, hatten wir uns versehentlich daran vorbei gemogelt und an einen von mindestens 10 freien Tischen gesetzt. Die meisten von denen blieben auch leer, weil nur ab und zu jemand von der Schlange reingelassen wurde.
Dann verliefen wir uns in den Gassen, bestaunten die bunten Figuren an den Läden, wunderten uns über die Massen an identischen K-Pop Produkten und fanden irgendwann einen Bus nach Chungmuro.
Später fuhren wir mit dem Taxi zum Flughafen. Wo sich der Taxifahrer von uns verabschiedete, als hätten wir ihn persönlich besucht.